Kongo-Tagebuch: Und die Rebellen kamen doch nicht bis Bukavu

Bukavu: Der Himmel gestern (Dienstag, 27.11.) passte zu Stimmung: grau und bleiern. In die Anspannung der vergangenen Tage mischt sich nun Müdigkeit. Die Rebellion ist für’s erste nicht bis Bukavu gekommen, sie klebt in Goma und Umgebung fest, wo sich an diesem Tag ein perverses Blümchenspiel entwickelt hat: Ziehen die Rebellen ab? Ziehen Sie nicht ab? Ziehen sie ab? Ziehen sie nicht ab? Nun: Keiner weiß es und keine wüsste es wohl genau zu sagen. „Die meisten Offiziere laufen jetzt in Zivilklamotten rum“, berichtet am Telefon ein befreundeter Fotograf in Goma, der seit Tagen versucht, sich bei M23 zu „embedden“. Bislang ohne Erfolg.

Unterdessen wurde (und wird vielleicht noch) in der ugandischen Hauptstadt Kampala verhandelt, wobei sich beide Seiten offiziell mit Maximalforderungen und „Wenn nicht, dann aber…“-Drohungen bewerfen. M23 verlangt u.a. die Freilassung politischer Gefangener, die Auflösung der Wahlkommission (Mitveranstalter der umstrittenen Wiederwahl von Kongos Präsident Joseph Kabila im vergangenen Jahr) und ein Ende der Korruption, geriert sich also als politische Reformbewegung mit bewaffnetem Flügel, die sie wahrlich nicht ist. Die knolgesische Militärleitung, offenbar unbelehrbar, verkündet dröhnend einen Angriff auf Goma, sollten die M23-Rebellen nicht innerhalb jenes Ultimatums aus der Stadt abziehen, das ihnen am Wochenende mehrere afrikanische Staatschefs in Kampala gestellt haben. Und das inzwischen verstrichen ist.

Inoffiziell geht es womöglich um einen Deal, in dessen Rahmen M23 Goma räumt und semi-offziell die Verfügungsgewalt über Gebietsteile an der kongolesisch-ruandischen Grenze in Nord-Kivu bekommt. Dort befand sich schon zu Zeiten des CNDP, des Vorläufers von M23, eine Art Mini-Staat. Wer nach einer europäischen Entsprechung sucht, der stelle sich eine Art Nord-Kosovo/Mitrovica vor – nur sehr viel grüner und wärmer.

Ruandas Interessen an Zugriff auf Land und Rohstoffe blieben damit gewahrt, weil unter Kontrolle verbündeter kongolesischer Tutsi (wobei diese Allianz auch nicht aus Eisen ist, aber das ist eine andere Geschichte). Die Regierung Kabila wiederum  könnte ihrerseits Goma für „befreit“ erklären.
Der Haken an der Sache: nichts an den ursächlichen Problemen würde geklärt, und die nächste Eskalation wäre wohl nur eine Frage der Zeit. Schlimmer noch: eine solche „Lösung“ würde die Anti-Tutsi-Stimmung im Kongo und die gern geschürte Angst vor einer „Balkanisierung“ weiter anheizen. Eine weitere ethnische Aufladung des Konflikts ist das letzte, was diese Region braucht.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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