George Clooney, ein israelischer Luftangriff und die Waffenfabrik von Khartum

Bombenanschläge zu vermelden, gehört inzwischen leider zum Tagesgeschäft der Medien. Aber manchen Explosionen sollte man doch etwas mehr Aufmerksamkeit schenken, als es eine Kurznachricht vermag.
In der Nacht zum 24. Oktober wurde Khartums südlicher Stadtrand nachts von mehreren Detonationen erschüttert. Sekunden später stand die Waffenfabrik Al-Yarmouk in Flammen. Was erst nur als Gerücht durch die sudanesische Hauptstadt geisterte, ist inzwischen erwiesen: Es handelte sich nicht um einen Unfall, sondern um einen Luftangriff.

Wer war’s ?
Israel! Erklärte am nächsten Morgen die sudanesische Regierung.

Nun schieben islamistische Regierungen dem Staat Israel alles mögliche in die Schuhe. In diesem Fall hat Khartum mit dem Finger in die richtige Richtung gezeigt – wie schon 2009 und 2011, als es israelische Kampfbomber bezichtigte, Auto-Konvois (deren Passagiere offenbar der Hamas angehörten) im Ostsudan unter Feuer genommen zu haben.
Die Ironie bei der Sache (wenn einem den überhaupt zum Lachen zumute ist): Sudans Regierung, dessen Präsident Omar al Bashir vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen des Verdachts auf Völkermord in Darfur mit Haftbefehl gesucht wird, konnte sich unter anderem auf Satellitenbilder der NGO „Satellite Sentinel Project“ (SSP) beziehen. Deren Auswertung ergab „mindestens sechs Einschlagskrater von etwas 16 Metern Durchmesser“, was mit Kratern übereinstimme, „die durch Luftschläge verursacht werden“.
Das SSP ist ein von Hollywood-Star George Clooney mit finanziertes Projekt für permanente Satelliten-Überwachung der Region, um weitere Gräueltaten Khartums an der Zivilbevölkerung zu dokumentieren bzw. bedrohliche Militärbewegungen aufzuzeichnen. (SSP lobte den Angriff denn auch als „präzisen chirurgischen Schlag“. Khartum spricht von mindestens zwei Toten.)

Israel will – wie schon 2009 und 2011 – die Anschuldigung weder dementieren noch bestätigen und belässt es bei dem viel sagenden Hinweis, eine der Routen für Waffenlieferungen Irans an die Hamas und die Hisbollah liefen durch den Sudan. Teheran fühlte sich prompt veranlasst, zwei Kriegsschiffe als „Zeichen der Freundschaft“ im Hafen von Port Sudan andocken zu lassen.

„Warum sollte Israel den Sudan bombardieren?“ fragte rein rhetorisch die Washington Post auf ihrer Website und gab gleich selbst mehrere mögliche Antworten:
1: Um für den Angriff auf Irans Nuklear-Anlagen zu üben.
2: Um Iran einzuschüchtern.
3: Um für den Fall eines Angriffs auf Iran schon einmal den Waffennachschub für die Hamas, Teherans Verbündeten, zu drosseln.
4: Um den USA (unabhängig vom Ausgang der Präsidentschaftswahlen am kommenden Dienstag) klar zu machen, dass Israel es ernst meint mit dem Krieg gegen Iran.

Welche Antwort ist korrekt? Wahrscheinlich alle. Wobei Magdi el Gizouli, Fellow des Rift Valley Institute und Blogger, in einem Beitrag für die Sudan Tribune darauf hinwies, dass Israel sich die Raketen gegen den Sudan hätte sparen können: Dessen opportunistische Führung sei leicht zu kaufen, wenn der Preis stimme. Und momentan leicht zu haben, weil knapp bei Kasse, um sein wichtigstes – man könnte sagen: einziges – Anliegen weiter zu führen: Die Bekämpfung von Aufständen an der Peripherie des Landes.

Omar al Bashir war kurzzeitig aus der Phalanx der Schurkenstaaten ausgeschert, als er die libyschen Rebellen im Kampf gegen seinen Intimfeind Muammar al Gaddafi unterstützte (der wiederum jahrelang den Aufständischen in Darfur zur Seite gestanden war). Aber das hat sich weder materiell noch politisch ausgezahlt. Khartum’s wichtigste Waffenquellen bleiben weiterhin China und Iran – um so mehr, da die eigene Produktion seit dem 24. Oktober eingeschränkt ist. Iran liefert nach Recherchen des Small Arms Survey seit einigen Jahren offenbar auch Aufklärungs-Drohnen, die Khartum wiederum im Kampf gegen Rebellen in Süd-Kordofan eingesetzt haben soll.
Und Israel baut unterdessen seine Beziehungen zur noch jungen Republik Südsudan aus – auch die militärischen.

Proxy war nennt man so etwas, Stellvertreterkrieg. Oder, bis auf weiteres: Proxy armament, Stellvertreteraufrüstung.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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