Kismayo, Nairobi – oder warum das Gerede von „Afrikas Krieg gegen den Terror“ so gefährlich ist (III)

Frage: Wie nennt man einen „Krieg gegen den Terror“, bei dem (fast) keiner hinschaut?
Antwort: Somalia.
Nach monatelangen Kämpfen haben kenianische und somalische Truppen Ende September die radikal-islamistischen Al Shabaab Milizen aus Kismayo vertrieben. Jedenfalls weitgehend. In den vergangenen Tagen starben mehrere Menschen, als Soldaten Wohnviertel auf der Suche nach islamistischen Kämpfern durchkämmten.
Politiker und Militärs in Kenia feiern „Operation Sledgehammer“ (wer, zum Teufel, denkt sich eigentlich diese Namen aus?) als großen Schlag gegen die Islamisten. Was stimmt – und auch wieder nicht.

Die südsomalische Hafenstadt Kismayo war für Al Shabaab von strategischer Bedeutung, weil dort ein Teil des Warenverkehrs zwischen Ostafrika und der arabischen Halbinsel abgewickelt wird (unabhängig davon, wer die Stadt gerade kontrolliert). Durch Zölle und Steuern strichen die Islamisten in Kismayo weit mehr Geld ein als durch die Zwangsabgaben, die sie somalischen Händlern und Hirten im Namen Allahs abpressen. (Was sie auch in Zukunft tun werden, denn in Teilen von Süd-und Zentral-Somalia üben sie weiterhin die Kontrolle aus.)

Die Befreiung Kismayos nach vier Jahren Shabaab-Herrschaft ist zweifellos eine gute Nachricht für die Bevölkerung. Den Haken bei der Sache kann man in den Analysen des meist gut informierten SomaliaReport nachlesen: Kenias Armee ist für solche Operationen in der Tat so gut geeignet wie ein Vorschlaghammer zum Angeln. Vor fast genau einem Jahr schickte Nairobi seine Armee unter fadenscheinigen Gründen hinein in den Somalia-Krieg, blieb erst einmal im Schlamm der Regenzeit stecken, kassierte dann reichlich Waffen und Geld vom Westen, überließ die Drecksarbeit an Land immer wieder  somalischen Milizen und initiierte schließlich die Landung seiner Truppen in Kismayo von der Küste her.

Laut SomaliaReport hat die kenianische Regierung der UN nun eine Rechnung für die Militäroperation  in Höhe von 160 Millionen Dollar gestellt. Denn mit ihrer Invasion hatte sich Kenia quasi selbst in die Somalia-Militärmission der Afrikanischen Union (AMISOM) eingeladen, die seit 2007 mit UN-Mandat und reichlich amerikanischer Unterstützung den „war on terror“ am Horn von Afrika führt.
Man darf davon ausgehen, dass von den 160 Millionen Dollar nichts an die Angehörigen der Zivilisten geht, die bei stümperhaftem Raketenbeschuss und Luftangriffen auf Kismayo getötet worden sind.

Und nun?
Nun muss in Kismayo eine neue Verwaltung aufgebaut werden. Und schon stellt sich die Frage, wie weit es mit der Souveränität Somalias her ist. Denn das Land (genauer gesagt: das Rumpfgebiet rund um Mogadischu) hat seit kurzem einen neuen Präsidenten, Hassan Sheikh Mohammud. Das ist erst einmal eine gute Nachricht. Dem ging keine demokratische Wahl voraus, sondern eine Abstimmung des Parlaments, das seinerseits von einem schnell zusammengesetzten Ältestenrat abgesegnet worden war. Aber Hassan Sheik Mohammud sagt man deutlich mehr Integrität und politisches Verantwortungsbewusstsein nach als seinem Vorgänger Ahmed Sheikh Sharif, dem Präsidenten der vom Westen jahrelang gestützten korrupten „Übergangsregierung“.

Hassan, der Kopf dieses politischen Hoffnungschimmers (wenn man es denn so nennen will), muss nicht nur eine neue Welle von Terroranschlägen in Mogadischu fürchten, sondern auch die Begehrlichkeiten seiner vermeintlichen Waffenbrüder aus Kenia.
Die wünschen sich in Kismayo einen Statthalter nach ihrem Geschmack. Seit Wikileaks die Depeschen des US-Außenministeriums öffentlich gemacht hat, weiß die Welt, wenn sie es denn wissen will, dass Kenia auf südsomalischem Boden gern eine Pufferzone, genannt Jubaland, einrichten würde – wenn möglich komplett mit Marionettenregierung, Kontrolle über Kismayo und Zugang zu möglichen Ölvorkommen. Sollte der „Befreier“ sich also als Okkupant entpuppen, ist eines ziemlich sicher: Somalischer Widerstand – und neuer Rückenwind für Islamisten, die sich in der Vergangenheit immer wieder geschickt als Hüter nationaler Interessen gerieren konnten.

Bleibt die Frage, wo die ganzen Al Shabaab-Kämpfer aus Kismayo abgeblieben sind. Laut SomaliaReport haben sich viele ohne größere Probleme auf Booten abgesetzt und dürften demnächst wieder im Jemen oder im Ogaden auftauchen. Oder in den Golis-Bergen, von wo aus sie eine neue Front eröffnen könnten gegen die semi-autonome Region Puntland. Oder in Kenia.

Nach Angaben kenianischer Sicherheitsbehörden (die allerdings immer mit Vorsicht zu genießen sind), verhinderten Sondereinheiten der Polizei vor einigen Wochen Anschläge in Nairobi und Mombasa, nachdem bei einer Razzia in Eastleigh, einem überwiegend von Somalis bewohnten Stadtteil der kenianischen Hauptstadt, ein Waffen-und Bombenlager ausgehoben wurde.
Einen Tag nach dem Rückzug von Al Shabaab aus Kismayo tötete ein Attentäter mit einer Handgranate in einer Kirche in Nairobi ein Kind und verletzte mehrere andere Kirchgänger.
Offenbar muss Al Shabaab längst nicht mehr ausschließlich auf somalische Attentäter zurückgreifen, sondern findet inzwischen auch Rekruten unter kenianischen Muslimen. Was wiederum auch ein Effekt der wachsenden Polizei-Repression gegen Kenias muslimische Community sein dürfte.

So viel für heute zum Thema, wie man Terrorismus besser nicht bekämpft.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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