Maiduguri – oder warum das Gerede von „Afrikas Krieg gegen den Terror“ so gefährlich ist (II)

„Kismayo, Kano, Mombasa, Timbuktu“ – so begann zuletzt ein Eintrag über die gefährliche Rhetorik von Afrikas „Krieg gegen den Terror“. Gefährlich, weil ein solches Schlagwort sich zwar griffig anhört, aber eher als Kampfruf dient denn als Instrument zur Analyse.  Wie etablierte Medien an diesen Schlachtbildern mit malen, kennt man zur Genüge aus den Zeiten der US- und NATO-Militäreinsätze in Afghanistan und dem Irak. Es gibt aber auch längst anschauliche Beispiele vom neuen Schauplatz Afrika. Das Problem liegt dabei nicht in dem Wort „Terrorismus“. Mehrere afrikanische Länder südlich der Sahara – allen voran Somalia, Nigeria, Mali und Kenia – müssen sich mit terroristischen Gruppen herumschlagen.
Das Problem liegt vielmehr in dem Wort „Krieg“. Das zeigen die jüngsten dramatischen Ereignisse in Nigeria und Mali. (Weitere Updates aus anderen Regionen folgen)

In Maiduguri im Nordosten Nigerias sind Anfang der Woche Armeeeinheiten Amok gelaufen – vermutlich aus Wut über einen Bombenanschlag, der der islamistischen Gruppe Boko Haram zugerechnet wird, und bei dem ein Offizier getötet worden sein soll. Die Soldaten eröffneten offenbar willkürlich das Feuer auf Bewohner und steckten Dutzende von Häusern in Brand. Reporter der Associated Press zählten vor Ort über 30 Leichen. In ihrem Bericht warnen sie eindringlich vor den Folgen der Kriegsstrategie der nigerianischen Regierung:

„The killings Monday come as besieged, underpaid and enraged soldiers remain targets of guerrilla attacks by the extremist Islamist sect, Boko Haram, which holds this city in the grip of bloody violence.
That anger among the enlisted men and officers stationed throughout Nigeria’s northeast has seen civilians harassed, arrested, tortured and even killed – raising concerns that Monday’s attack may just be the tip of killings committed by security forces, human rights activists warn.“

Zynisch formuliert: Die Hardliner von Boko Haram (das keineswegs eine homogene Gruppe ist) haben die Armee genau dort, wo sie sie haben wollen: im Krieg gegen die eigene Bevölkerung.
Solche Aktionen erfüllen den Tatbestand der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, würden also in die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofes (ICC) fallen, dessen Statut Nigeria unterzeichnet hat. Gleiches gilt für die Verbrechen von Boko Haram.
Ob eine neuerliche juristische Intervention des ICC in Afrika eher schadet oder nützt, sei dahin gestellt. Doch ein Warnsignal aus Den Haag könnte jenen nigerianischen NGO’s und Politikern Rückenwind verschaffen, die beständig vor dem Wahnsinn des „Krieges gegen den Terror“ warnen. Und die immer wieder daran erinnern, dass Boko Haram weder plötzlich vom Himmel gefallen noch aus der Hölle gekommen ist. Die Terrorgruppe hat einen Geburtshelfer: einen extrem korrupten Staat, der seinerseits terroristische Gewalt verübt.

Das expandierende Desaster in Nigeria böte Lehren für Mali, das zweite westafrikanische Land mit einem handfesten Terror-Problem. Auch hier hat ein durch und durch korrupter Staat den Zerfall des eigenen Landes provoziert. Anders als in Nigeria kontrollieren islamistische Milizen mit, wenn auch eher losen, Verbindungen zu Al Kaida, eine große Fläche Land. Ansar Dine und MUJAO haben in den vergangenen Wochen ihre Kontrolle über die Städte Timbuktu, Gao, Kidal und Umgebung gefestigt und damit auch den Bewegungsspielraum ihrer Bündnisgenossen von „Al Kaida im Islamischen Maghreb“ (AQIM) gesichert.

Vor kurzem rückten die Islamisten, unter ihnen inzwischen angeblich auch Kämpfer aus Nigeria, Mauretanien und Somalia, weiter südlich vor bis in die Stadt Douentza. Ihre radikale Version der Scharia haben sie in den vergangenen Wochen verstärkt durchgesetzt, angeblichen Dieben wurde die Hand amputiert, ein vermeintlicher Mörder wurde Anfang Oktober öffentlich exekutiert. Der Widerstand der Bevölkerung gegen diese Form des Terrors lässt nach. Die Menschen sind schlicht erschöpft und versuchen, sofern sie nicht geflohen sind, sich im täglichen Leben mit den neuen Herrschern zu arrangieren. (An dieser Stelle eine kurze Verneigung vor den LehrerInnen, die im nunmehr islamistisch besetzten Norden den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten versuchen)

Unterdessen hat die völlig desolate Armee einen Vorgeschmack auf einen malischen „Krieg gegen den Terror“ gegeben: Anfang September erschossen Soldaten 16 malische und mauretanische Prediger an einer Straßensperre. Die Geistlichen gehörten offenbar der islamischen Dawa-Bewegung an. Dawa ist fundamentalistisch ausgerichtet, lehnt Gewalt aber ab. Das muss, wenn sich solche Katastrophen wiederholen, nicht so bleiben.

Verwirrung herrscht um die x-mal angekündigte Militärintervention des westafrikanischen Staatenverbandes ECOWAS:  In der malischen Hauptstadt Bamako ist die politische „Elite“ weiterhin mehr mit innenpolitischen Grabenkämpfen als der Lage im Norden beschäftigt.  Gleichzeitig zögert der Sicherheitsrat (dieses Mal aus guten Gründen), diesem Unternehmen ein Mandat auszustellen. (Bezahlen müsste einen solchen Einsatz vermutlich zu erheblichen Teilen die EU). Wie immer, wenn man in New York nicht weiter weiß, wird ein UN-Sondergesandter ernannt. Das ist seit gestern der ehemalige italienische Premierminister Romano Prodi, der nun eine „integrierte Strategie für die gesamte Sahel-Zone koordinieren“ soll. Good luck!

Einen solchen Job in diesen Zeiten zu übernehmen, ist eher ein Fluch als ein Karrieresprung. Es wäre schon ein gigantischer Erfolg, wenn Prodi zusammen mit malischen Vermittlern einen Leitsatz durchsetzen könnte: Do no harm!
Eine Militärintervention mit ein paar tausend demotivierten malischen Soldaten samt ECOWAS-Verstärkung aus Nigeria (sic!) kann wirklich niemand wollen – jedenfalls nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Also sollte man sich den Schlachtruf vom nächsten „Krieg gegen Al Kaida“ in Mali um Himmels willen verkneifen.

Stattdessen gibt es andere Strategien – unter anderem vorgeschlagen von der International Crisis Group: Druck auf Bamako, das sein politisches Chaos ordnen muss; Ausbildungshilfe für die malische Armee (mit extra „Do no harm“-Kursen); mehr humanitäre Hilfe für die malischen Flüchtlinge; enge Kooperation mit malischen Vermittlern.
Denn es ließe sich durchaus Zwietracht säen unter den Islamisten im Norden, deren Führer um Macht und Kontrolle über Schmuggelrouten konkurrieren und deren Fußtruppen eher opportunistisch denn ideologisch motiviert sind.
Und schließlich bedarf es einiger Gespräche mit jenem großen Land, das in diesem Konflikt seltsamerweise immer nur am Rande erwähnt wird: Algerien. Von dort sind die Vorläufer von AQIM vor einigen Jahren nach Mali eingesickert.

Nichts von diesen Optionen garantiert schnellen Erfolg. Aber zusammen würden sie zumindest Schlimmeres verhindern.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
Dieser Beitrag wurde unter Mali, Nigeria, War on Terror veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Maiduguri – oder warum das Gerede von „Afrikas Krieg gegen den Terror“ so gefährlich ist (II)

  1. Pingback: Links zum Wochenende #8 | derblogderkleinenethnologin

  2. Pingback: Links zum Wochenende #8 | Claire Grauer

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s