Von wegen „Flächenbrand“ – einige Gedanken zu den jüngsten Attacken in Benghazi, Kairo und Khartum

„Islamische Welt ist in Aufruhr“, „Flächenbrand“, „Hass auf Deutschland“ – so lauten die Schlagzeilen nach den gewalttätigen Protesten in muslimischen Ländern, ausgelöst durch einen widerwärtigen Film über den Propheten Mohammed. Dazu die immer gleichen Aufnahmen eines wütenden Jungmänner-Mobs vor brennenden Botschaftsgebäuden und brennenden amerikanischen oder deutschen Fahnen  in Tunis, Sanaa, Kairo, Khartum oder Beirut.
In solchen Situationen ist es ratsam, den Fernseher oder Live-Stream  auszuschalten, die Temperatur im eigenen Hirn herunterzufahren und sich zu fragen: Anti-westlicher Flächenbrand?

Die Metropole Kairo hat sechzehn Millionen Einwohner, auf den  Demonstrationen wurden einige Tausend gezählt. In Tunis geht der Sturm auf die amerikanische Botschaft und die amerikanische Schule vermutlich auf das Konto der radikalen Salafisten samt Mitläufer. In Benghazi gab es, nach allem, was man inzwischen weiß, keine anti-amerikanischen Proteste gegen den Film, sondern einen geplanten Terroranschlag auf das amerikanische Konsulat, bei dem Botschafter Christopher Stevens sowie drei weitere Amerikaner getötet wurden. Viele Libyer reagierten mit Schock und Trauerkundgebungen. In Khartum wiederum hat ein angeschlagenes Regime offenbar seinen radikalen Rand in Bewegung gesetzt.
All das ist gefährlich. Und unübersichtlich (wie zum Beispiel der sehr informative Live Blog des Guardian zeigt). Aber mit Verlaub: Ein „Flächenbrand“ sieht anders aus.

Wenn man schon versuchen will, die höchst unterschiedlichen Ursachen für die Gewalt der vergangenen Tage zusammen zu binden, dann vielleicht mit diesen vier Fäden:
– Erstens herrscht unter Muslimen (und übrigens auch vielen Nicht-Muslimen)  verständliche Empörung über einen Drecksfilm, der zu keinem anderen Zweck produziert wurde als die Angehörigen einer Religion zu beleidigen. Dieser Empörung haben zehntausende Muslime (und in Kairo auch koptische Christen) in friedlichen Protesten Ausdruck verliehen. Bloß sind friedliche Proteste langweilig und kommen selten ins Fernsehen.
Nun kursiert im Internet jede Menge Dreck zwecks Beleidigung von Religionsgruppen, was aber nicht dazu führt, dass die Scheiben von Botschaften zu Bruch gehen, in deren Ländern dieser Dreck produziert wurde. Dieses Argument mag in der gespannten Atmosphäre momentan wenig Wirkung zeigen. Aber es wird irgendwann Gehör finden – wahrscheinlich zuallererst in der inner-muslimischen Debatte.

– Denn es geht hier zuallererst um einen inner-islamischen Konflikt. Tunesien, Ägypten, Libyen oder Jemen befinden sich nach dem Sturz ihrer  Diktatoren allesamt in prekären Umbruchphasen. Das Verhältnis zwischen Staat, Religion und Gesellschaft ist ungeklärt, der Staat nur eingeschränkt funktionsfähig, die Wirtschaft am Boden. Beste Ausgangsbedingungen für gut organisierte radikale Gruppen, in diesem Fall Salafisten unterschiedlicher Prägung und Militanz, die den Revolutionen, aus denen sie sich fein herausgehalten hatten, jetzt ihren Stempel aufdrücken wollen. Man addiere dazu Provokateure der alten Regimes und marode Polizeikräfte, die nicht willens oder fähig sind, ausländische Botschaften zu schützen. Und schon hat man ein medienwirksames Desaster. Doch die Ausschreitungen und Anschläge der letzten Tage in die Schublade „Hass auf den Westen“ zu packen, erzeugt einen riesigen blinden Fleck in der westlichen Wahrnehmung. Es geht hier zuallererst um einen inner-islamischen Kampf über das Verhältnis von Demokratie und Religion, über bürgerliche Freiheiten und Glaubensdogmen, über Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. In Tunesien versuchen Künstler, Menschenrechtlerinnen, Intellektuelle und andere Liberale schon seit Monaten, den öffentlichen Raum gegen die Gewalt der Fundamentalisten und die Usurpierung durch den politischen Islamismus zu verteidigen.
In Ägypten lavieren die Muslimbrüder samt ihrem Präsidenten zwischen Pragmatismus und religiöser Ideologie, während die Liberalen sich nur mühsam aus ihrer Post-Mubarak-Erschöpfung lösen. In Libyen haben die Religiösen unlängst die Wahlen verloren, aber der Staat ist noch lange nicht in der Lage, seine Bürger und ausländische Diplomaten vor Terror zu schützen. Und im Sudan hat ein angeschlagenes Regime unter Omar al Bashir die Gewalt offenbar gezielt angeheizt, um innenpolitischen  Protesten gegen Verarmung und Polizeirepression den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und dabei schon seit Tagen nicht nur gegen den amerikanischen Schmäh-Film mobilisiert, sondern auch gegen anti-islamische Demonstrationen in Deutschland.

– Vor diesem Hintergrund reagieren westliche Regierungen, allen voran die Obama-Administration, bis auf weiteres vernünftiger als viele Medien. Kein Bush-ähnliches Säbelrasseln, klare Verurteilung der Gewalt, klare Distanzierung vom Film, klares Bekenntnis zum Prozess des politischen Umbruchs in den post-diktatorischen Ländern. (Ein Bekenntnis, das in den Augen arabischer Menschenrechtler übrigens noch überzeugender wirken würde, wenn die USA samt Verbündete ihre eigene Folterpraxis aus dem „Krieg gegen Terror“ endlich rechtlich aufarbeiten würden. Solche Doppelzüngigkeit ist ersten ein moralisches Armutszeugnis und zweitens eine Steilvorlage für Fundamentalisten)

– Bliebe, viertens, noch jenes arabische Land zu erwähnen, das bis vor wenigen Tagen die Schlagzeilen dominierte: Syrien. Dort zeigen sich Bürger zunehmend irritiert über die Aufregung um einen anti-islamischen Hetzfilm aus dem Bodensatz der christlich-fundamentalistischen Szene Amerikas. Anstelle eines Schlusssatzes hier eine Kostprobe, dokumentiert auf Al-Jazeera:
Hey Arabs,while ure at it cld u plz demand kicking Syrian ambassadors out of ur countries? Syrian regime has been mocking Islam for a while!
Hey, Araber, wo Ihr gerade dabei seid: könntet Ihr bitte den Rausschmiss syrischer Botschafter fordern? Das syrische Regime macht den Islam schon eine ganze Weile verächtlich!

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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