Kismayo, Mombasa, Kano, Timbuktu – oder: warum das Gerede von „Afrikas Krieg gegen den Terror“ so gefährlich ist

Nach dieser kleinen Blog-Pause ist ein grenzüberschreitendes Update fällig – schon allein, um die aktuelle Nachrichtenflut aus dem europäischen Nachbarkontinent zu sortieren. Innerhalb der letzten Woche gerieten folgende afrikanische Städte in die Schlagzeilen (jedenfalls in die der englisch-und französischsprachigen Medien):

Kismayo in Somalia, eine strategisch wichtige Hafenstadt, die sich noch unter Kontrolle der islamistischen Al-Shabaab-Milizen befindet und derzeit von der kenianischen Marine beschossen wird.
Mombasa in Kenia, wo es nach der Ermordung eines radikalen islamischen Klerikers über mehrere Tage zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen ist.
Douentza in Mali, einer Stadt 250 Kilometer südlich von Timbuktu, mit deren Einnahme islamistische Milizen vor wenigen Tagen das von ihnen kontrollierte Gebiet weiter nach Süden ausgedehnt haben.
Und schließlich Kano und weitere Städte Nigerias, wo Kämpfer der islamistischen Boko Haram Telefonmasten gesprengt haben.

Vier verschiedene Länder, vier verschiedene Konflikte, die in der breiteren Öffentlichkeit unter der Rubrik „Schlechte Nachrichten aus Afrika“ verbucht werden. Bei westlichen wie afrikanischen Sicherheitsexperten und Militärs aber leuchten diese Namen auf der Landkarte des „Krieges gegen den Terror“ auf.

Auf den ersten Blick weist auch alles daraufhin: in Somalia kämpft eine Militärmission der Afrikanischen Union (AMISOM, bestehend aus kenianischen, ugandischen und burundischen Truppen) mit dem Segen der UN gegen Al Shabaab-Milizen. Als Vergeltung führt Al Shabaab immer wieder Bombenanschläge in Kenia aus, während extremistische Kleriker im Land die Stimmung unter den Muslimen anzuheizen versuchen. Der Kleriker, dessen Tod die Unruhen in Mombasa nach sich gezogen hat, galt als Sympathisant von Al Shabaab.
In Mali finden sich inzwischen offenbar Al Shabaab-Kämpfer unter den islamistischen Milizen, die den Norden faktisch vom Süden getrennt haben und die Einführung einer radikalen Version der Sharia im ganzen Land fordern. Mit von der Partie sind nach Angaben von Sicherheitsexperten wie auch nach Aussagen von Flüchtlingen Angehörige der nigerianischen Boko Haram. All diese Gruppierungen rühmen sich der Verbindung zu Al Kaida. Was also spricht dagegen, diese quer durch Afrika laufende Konfliktlinie als neue Front im „Krieg gegen den Terror“ (gemeint ist natürlich der islamistische) auszumachen?
Einiges.

Die verschiedenen Terrorgruppen (und das sind sie zweifellos) mögen lose miteinander verknüpft sein, aber sie bilden keine einheitliche, koordinierte Bewegung. Ihre Ursprünge sind nationaler Art, die Strategien zur Gewalteindämmung auch. Die Verbindung zu Al Kaida dient diesen Gruppen dabei in erster Linie als Provokation. Sie kalkulieren (nicht zu Unrecht), dass dieses Etikett in westlichen Armee-und Geheimdienstkreisen den pawlowschen militärischen Reflex auslösen und die eigene Bedeutung erhöhen kann.

Damit will ich weder die Gewaltbereitschaft, noch den Terror bestreiten oder minimieren, den Boko Haram, Al Shabaab oder die malische MUJAO, die „Bewegung für Einheit und Jihad in West-Afrika“, gegenüber der Zivilbevölkerung ausüben. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass sich diese Gruppen in Zukunft stärker vernetzen und koordinieren. Und ich bin sehr wohl der Meinung, dass militärische Gewalt eines von mehreren notwendigen Mitteln zu ihrer Bekämpfung sein kann. Es ist auch unabdingbar, dass die betroffenen Länder ihre polizeiliche Kooperation untereinander verbessern.

Aber das Schlagwort und die damit einher gehenden Strategien des „War on Terror“ machen die Lage schlimmer als sie ohnehin ist. Denn sie beinhalten für die betroffenen Regierungen einen Freibrief in der Wahl der Mittel.
Die USA und ihre westlichen Alliierten haben sich bei diesem Krieg zahlloser Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht und sich qua Macht oder „Staatsräson“ jeder politischen wie rechtlichen Verantwortung entzogen. Jüngstes Beispiel ist die  Entscheidung des US-Justizministeriums, wonach „aus Mangel an Beweisen“ kein CIA-Beamter für den Foltertod zweier Gefangener in Afghanistan und in Abu Ghraib gerichtlich belangt wird. Afrikanische Staaten südlich der Sahara dürften das Signal verstanden haben: ‚Ruft einen Krieg gegen den Terror aus – und es ist alles erlaubt.‘

In den meisten dieser Länder sind Menschenrechte ohnehin verderbliche Ware. Im Norden Nigerias fürchtet die Bevölkerung Boko Haram ebenso wie die wahllosen blutigen Angriffe von Armee und Polizei.
Kenias Sicherheitsbehörden werden seit Jahren massive Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen – darunter Folter und extralegale Hinrichtungen. Sie haben sich (zumindest bis vor kurzem) überdies am „Rendition Programme“ der USA beteiligt, indem sie vermeintliche Terrorverdächtige verhafteten und sie an geheime CIA-Gefängnisse in anderen Ländern überstellten.
Nach Angaben der Obama-Administration betreiben die USA solche geheimen Gefängnisse („black sites“) nicht mehr. Aber dafür lassen sie diese jetzt von anderen betreiben. Der amerikanische Journalist Jeremy Scahill hat das im Juli 2011 in einer Reportage für die Zeitschrift „The Nation“ am Beispiel der CIA-Präsenz in einem Gefängnis in Mogadischu beschrieben.

Mit diesen Methoden gewinnt man keinen „Krieg gegen den Terror“, sondern eskaliert ihn. In Kenia, das bislang auf eine friedliche Koexistenz zwischen christlicher Mehrheit und muslimischer Minderheit zurückblicken konnte, fühlen sich die Muslime zunehmend als Zielscheibe staatlicher Repression – und geraten somit in ein Niemandsland zwischen militanten Islamisten und ihrem eigenen Staat. Die Ausschreitungen in Mombasa waren nicht deshalb so heftig, weil alle Demonstranten den radikalen Kleriker verehrten, sondern weil sie die Polizei einer ihrer „hit-and-run“-Exekutionen verdächtigen.

Und noch etwas leistet das Schlagwort vom „Krieg gegen den Terror“: es bietet Regierungen die Möglichkeit, von allen anderen Problemen abzulenken – von der zersetzenden Korruption in Kenia, Somalia, Mali oder Nigeria, der desaströsen Wirtschaftslage, den Hungerkrisen, dem totalen Mangel an politischer Transparenz, den Verflechtungen der politischen Elite mit organisierter Kriminalität (wie in Mali). Das sind – wohl gemerkt – nicht die Gründe, die Hardcore-Islamisten antreiben. Aber sie erweitern im Zweifelsfall ihren Aktionsradius, weil sie die Loyalität der Bürger gegenüber dem angegriffenen Staat erschweren oder unmöglich machen.

In Kismayo flüchten derzeit Zivilisten vor den Bombardements der kenianischen Armee. In Mombasa ist gespannte Ruhe eingekehrt. In Nigeria sollen ab sofort sämtliche Mobilfunk-Masten bewacht werden. Und in Mali will der Präsident nun (gegen den Willen der eigenen Armee) zur Rückeroberung des Nordens 3000 Soldaten der westafrikanischen Staatengemeinschaft ECOWAS ins Land holen.
So lesen sich Nachrichten aus einem „Krieg gegen den Terror“. An den grundlegenden Problemen ändern sie gar nichts.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
Dieser Beitrag wurde unter War on Terror veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Kismayo, Mombasa, Kano, Timbuktu – oder: warum das Gerede von „Afrikas Krieg gegen den Terror“ so gefährlich ist

  1. Pingback: Links zum Wochenende #7 | derblogderkleinenethnologin

  2. Pingback: Maiduguri – oder warum das Gerede von “Afrikas Krieg gegen den Terror” so gefährlich ist (II) | Böhms Logbuch

  3. Pingback: Links zum Wochenende #7 | Claire Grauer

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s