Der Terror im Namen Gottes – im Norden Malis wurde wieder ein Scharia-Urteil vollstreckt

Zeigen, wer die Macht hat – mit allen Mitteln. Vergangenen Sonntag noch hatten die Bürger in der nord-malischen Stadt Gao durch Proteste verhindert, das islamistische Besatzer ein Scharia-Urteil vollstreckten. Die hatten einem Dieb die Hand amputieren wollen.
Am Mittwoch nun hat sich die „Einheitsbewegung für den Dschihad in Westafrika“ (MUJAO) offenbar einen Nebenschauplatz für ihren Terror ausgesucht: In Ansongo, einer Ortschaft südlich von Gao wurde nach Berichten der Nachrichtenagentur AFP einem Mann die Hand abgeschlagen – als Strafe für den Diebstahl eines Motorrads. AFP berief sich dabei auf die Aussagen eines Augenzeugen und auf einen Sprecher von MUJAO. Der kündigte an, man werde in den kommenden Tagen auch das „verschobene“ Urteil in Gao vollstrecken.

MUJAO ist eine von mehreren radikal-islamistischen Milizen, die inzwischen den Norden oder zumindest die größeren Städte kontrollieren. Ende Juni hatten MUJAO-Kämpfer ihre einstigen Verbündeten, die Tuareg der „Nationalen Bewegung für die Befreiung von Azawad“ (MNLA) aus Gao vertrieben. Deren Ziel war ein unabhängiger Staat, MUJAO und Co wollen laut eigenem Bekenntnis ganz Mali unter die Scharia bringen.

MUJAO gilt als Ableger der Gruppe „Al Qaida im Maghreb“ (AQMI) und machte zuletzt Schlagzeilen durch Anschläge in Algerien und die Entführung dreier europäischer Mitarbeiter von Hilfsorganisationen im Jahr 2011. Für deren Freilassung sollen sie mehrere Millionen Dollar Lösegeld erhalten haben, was ihre Kriegskasse weiter angefüllt hat.

In Gao schien die Lage seit dem Vormarsch der Islamisten zunächst erträglicher als zum Beispiel in Timbuktu und kleineren Orten im Norden. In den Reihen der MUJAO, so berichten Flüchtlinge in Bamako befinden sich offenbar auch junge Männer aus Gao und Umgebung – Söhne, Brüder oder Cousins der Bewohner.

MUJAO-Führer buhlten zunächst um Sympathien, verordneten Preissenkungen für Lebensmittel und verteilten angeblich Geld an Familien. Offensichtlich hat die Taktik nicht allzu gut verfangen, wie die Proteste vom vergangenen Sonntag gezeigt haben. Bewohner hatten den Platz, auf dem die Amputation vollstreckt werden sollte, einfach blockiert. Ein Radio-Journalist, der über den Protest berichtete, wurde von MUJAO-Mitgliedern krankenhausreif geschlagen, was neue Demonstrationen nach sich gezogen haben soll.
Noch also hält der Widerstand gegen die Extremisten an. Und noch ist er friedlich.
Der Dieb, dem die MUJAO in Gao die Hand abschlagen wollen, ist offenbar kein Zivilist, sondern ein Kämpfer der Islamisten, der seine Waffe verkauft und damit der MUJAO gestohlen haben soll. Die Bürger von Gao riskieren ihre Knochen also für einen ihrer Besatzer.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
Dieser Beitrag wurde unter Mali veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s