Malisches Tagebuch (2): Ein Besuch beim Abgeordneten Haidara

Das Parlament von Mali ist nah am Volk – zumindest örtlich gesehen. Die „Assemblée nationale“ liegt direkt an einem Markt, weswegen die Abgeordneten das Hupen, Tröten, Klappern, Rufen, Feilschen der Händler und Käufer ebenso hören können wie deren Flüche über die Politik.

In der Nationalversammlung sitzen 147 Volksvertreter. Einer von ihnen ist El Hadji Baba Haidara (56), gelernter Ingenieur und seines Zeichens fünfter Vize-Präsident des Parlaments. Sein Wahlkreis ist Timbuktu, aber da traut er sich schon seit Monaten nicht mehr hin. Dort herrschen jetzt die Islamisten der Organisation Ansar Dine.

Die Sorgen seiner Wähler hört sich Haidara derzeit am Telefon an oder in seinem Büro in Bamako. „Es gibt ja keine geschlossene Grenze zum Norden“, sagt er, und die Islamisten ließen durchaus zu, dass Stadtbewohner zwischen Süden und Norden hin und her reisten. Aber für ihn sei das zu riskant „nach allem, was ich öffentlich über diese Leute gesagt habe.“

El Hadji Baba Haidara in seinem Büro in Bamako

El Hadji Baba Haidara in seinem Büro in Bamako

Man kann Haidara nicht vorwerfen, dass er nicht frühzeitig vor dem Desaster gewarnt hätte. Mitte November 2011 hatte er sich mit anderen Parlamentariern ins malisch-nigerische Grenzgebiet aufgemacht zum Camp der MNLA, der „Nationalen Befreiungsbewegung Azawad“. Azawad – so nennen Tuareg das, was ihr Staat werden soll.
Mitte November 2011 – da war das Regime in Libyen bereits gestürzt und jene Tuareg-Kämpfer in den Diensten Muammar al Gaddafis waren mitsamt Waffen nach Mali zurückgekehrt. Dort setzten sie sich an die Spitze eines neuerlichen, schon länger schwelenden Aufruhrs der Tuareg.

Nun hockten also die Abgeordneten aus Bamako in den Zelten der Kämpfer, so erzählt es jedenfalls Haidara, und redeten auf sie ein: Dass Gewalt kein Mittel sei; dass die Regierung gerade erst ein Investitionsprogramm für den seit Jahrzehnten vernachlässigten Norden aufgelegt habe; dass die Rebellen nicht den Hauch der Legitimität hätten, im Namen des Nordens eine Sezession zu versuchen.
Tatsächlich stellen die Tuareg in Mali kaum zehn Prozent der Bevölkerung – und auch von denen halten keineswegs alle einen Staat Azawad für eine gute Idee.

„Aber mit der MNLA war nicht zu reden“, sagt Haidara. Die Abgeordneten kehrten unverrichteter Dinge nach Bamako zurück, um ihren Präsidenten Amadou Toumani Touré eindringlich zu warnen. Auch das offenbar ohne Erfolg: Im Bündnis mit islamistischen Milizen überrollte die MNLA die Armee, die ihrerseits aus Frust über die katastrophale politische Führung in Bamako den Präsidenten stürzte. Was wiederum den Rebellen im Norden den Vormarsch erleichterte.
Der Rest ist bekannt: Die MNLA rief ihren Staat Azawad aus, die Islamisten jagten ihr das Territorium binnen kurzer Zeit ab. Der starke Mann im Norden heißt jetzt Iyad Ag Ghali, Führer von Ansar Dine.

Man kennt sich. Ag Ghali war vor seiner salafistischen Erleuchtung Anführer einer früheren Tuareg-Rebellion. Dann wurde er politischer Player in Bamako und (von westlichen Ländern) gut bezahlter Vermittler bei Verhandlungen mit den Entführern europäischer Sahara-Touristen. Jetzt will er in Timbuktu die Scharia durchsetzen. „Was glaubt der eigentlich“ schnaubt Haidara. „Dass er den Islam erfunden hat?“

Haidara hat mit anderen Parlamentariern ein „Collectif des elus du nord“ gegründet, ein Kollektiv der Volksvertreter aus dem Norden. Man wolle mit allen verhandeln – auch mit Ansar Dine.
„Ich rufe ihn also an“, erzählt Haidara, „und sage: ‚Wir müssen reden.‘ Sagt er: ‚Nur, wenn Du Deinen Sitz in der Nationalversammlung aufgibst. Ihr maßt Euch an, Gesetze zu machen. Aber es gibt nur die Gesetze Allahs.'“ Haidara schüttelt den Kopf, als suche er nach dem Namen der Geisteskrankheit, die Ag Ghali befallen haben muss.

Es bleibt die Frage, worüber man mit Ansar Dine und den anderen Islamisten überhaupt verhandeln will? „Zwei Sachen müssen klar sein: Sezession und Scharia kommen nicht in Frage“, sagt Haidara. „Über alles andere kann man reden.“

El Hadji Baba Haidara hofft, dass Iyad Ag Ghali wie schon in den Jahren zuvor durch Geld und Einfluss zu kaufen ist. Und dass er, Haidara, spätestens nächstes Jahr wieder nach Timbuktu zurückkehren kann. „Dann müssen Sie uns unbedingt besuchen“, sagt er.

Wenn er sich da mal nicht täuscht.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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