Malisches Tagebuch (1): Eindrücke aus Bamako

Gemessen an den schlechten Nachrichten der vergangenen Monate macht Malis Hauptstadt einen erstaunlich trägen Eindruck. Das Land hat eine Rebellion und eine Quasi-Sezession, sowie einen (gewissermaßen versehentlichen) Putsch und einen gescheiterten Gegenputsch hinter sich. Eine Hungerkrise mitsamt Heuschreckenplage steht ihm womöglich bevor. In Bamako aber wirkt der Fastenmonat Ramadan wie ein Beruhigungsmittel. Allein der Regen entwickelt derzeit Wucht. Er kommt nicht in Form von Tropfen, sondern als Wasserwand herunter und bringt innerhalb einer halben Stunde unvorsichtig geparkte Autos zum Schwimmen. „Kein Problem“, sagt Mamadou, der sich hier als Free-Lance-Chauffeur durchschlägt und mit dem geliehenen Ur-Alt-Mercedes seines Bruders offenbar auch in der Sintflut nicht stecken bleiben würde.

Mamadou sieht aus wie Morgan Freeman mit Turban und ist Flüchtling, genauer gesagt: einer von rund 150.000 IDPs (internally displaced persons), die seit Beginn einer Rebellion von Tuareg im Norden des Landes gen Süden geflohen sind.

Bei den Aufständischen handelte es sich um Kämpfer, die lange in Diensten des großen Tuareg-Freundes Muammar al Gaddafi gestanden hatten und nach dessen Sturz mit allem, was sie an Waffen schleppen konnten, im Norden Malis endlich ihren Staat ausrufen wollten. Dazu taten sie sich mit Islamisten rund um den Al-Kaida-Ableger im Maghreb (AQMI) zusammen, die den Sezessionisten postwendend ihren Möchte-Gern-Staat abgejagt haben und nun ihrerseits ein radikal-islamistisches System im ganzen Land durchsetzen wollen. (Womöglich würden sie sich auch mit der Kontrolle über die lukrativen Schmuggelwege im Norden zufrieden geben. Weswegen Mamadou aus der Stadt Gao, derzeit unter Kontrolle der islamistischen Miliz „Einheitsbewegung für den Dschihad in Westafrika“ (MUJAO), nach Bamako geflohen ist.
Weil die malische Armee im Norden dank miserabler Ausstattung überrollt wurde, meuterten im März einige Soldaten in Bamako, was – wohl eher aus Versehen –  in den Sturz der Regierung mündete. Seither blockieren sich Putschisten, Parteien und Anhänger des alten Regimes mit Ausdauer und Hingabe, weswegen Malis Bürger nun noch schlechter auf ihre politische Klasse zu sprechen sind.

Das ist groben, sehr groben, Zügen das „malische Schlamassel“ des Jahres 2012. (Eine ausführliche Chronologie und Analyse findet man unter anderem bei dem amerikanischen Sahel-Experten Rudolph Atallah)

Wenn man Mamadou, der alle paar Stunden mit Angehörigen und Freunden in Gao telefoniert, fragt, wie es so geht, hier in Bamako und daheim in Gao, dann sagt er abwechselnd: „C’est dure“ oder „Ça marche“. Es ist hart, aber irgendwie geht es schon. Nach größeren Flüchtlingslagern sucht man in der Hauptstadt vergeblich. Die meisten Flüchtlinge aus dem Norden sind wie Mamadou bei Angehörigen untergekommen. Das entlastet Staat und Hilfsorganisationen, verlangt den Maliern aber einiges ab. Das Land gehört zu den weltweit ärmsten, Großfamilien müssen sich oft ein ohnehin knappes Einkommen teilen, der Tourismus-Sektor ist völlig zusammen gebrochen. Außerdem bleiben die Gelder aus Libyen aus, und auf den Großbaustellen libyscher Investoren aus der Gaddafi-Ära rührt sich seit dem Machtwechsel in Tripolis gar nichts mehr (Gaddafi hat paradoxerweise gleichzeitig den malischen Staat und die Tuareg-Rebellen unterstützt, die sich immer wieder gegen diesen Staat erhoben).

Die Märkte sind zwar voller HändlerInnen und Waren. Aber eine Mini-Umfrage auf dem Grand Marché in der Innenstadt zeigt die Malaise: „Schrauben und zwei Türklinken“, antwortet einer aus dem Heer der Eisenwarenverkäufer auf die Frage nach dem Tagesumsatz. Die Textilverkäufer, die Kollektionen aus europäischen und amerikanischen Altkleidersammlungen verscherbeln (abgelatschte Nike-Turnschuhe, Ballack-, Messi-, Eto’o oder Ronaldinho-Fußball-Trikots, Blue Jeans) zeigen mit dem Daumen nach unten. Allein Hühner–, Fisch- und GemüsehändlerInnen schauen zufriedener drein. Während des Ramadan wird tagsüber gefastet und nach Einbruch der Dunkelheit umso mehr gegessen.

Darüberhinaus sind gute Nachrichten in Mali derzeit rar. Eine liefert der tägliche Wetterbericht. Es regnet viel und in Strömen – siehe oben. Ein Fortschritt nach der Dürre im vergangenen Jahr, die dem Land eine Nahrungsmittelkrise eingebrockt hat. Es könnte also eine gute Ernte geben – vorausgesetzt, die Heuschrecken bleiben weg. Die haben sich aus Libyen und Algerien in Richtung Niger und Mali in Bewegung gesetzt. Mit den nötigen Pestiziden und dem nötigen Experten könnte man sie rechtzeitig bekämpfen. Aber dazu bräuchte es Sicherheit und Stabilität im Norden.

Die zweite gute Nachricht liefert an diesem Abend des 6. August Mamado, der Taxifahrer. Sein Cousin aus Gao hat erzählt, die Islamisten der Mujao hätten für diesen Morgen das Strafurteil gegen einen Dieb öffentlich vollstrecken wollen: Amputation einer Hand. Daraufhin sei es in der Stadt zu Protesten der Bevölkerung gekommen. Die Urteilsvollstreckung wurde abgesagt. Die Frage ist, wie lange die Menschen im Norden diesen Widerstand durchhalten.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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