Zwei Olympioniken der besonderen Art – Guor Marial und Daba Modibo Keita

Aus gegebenen Anlass weise ich auf zwei Teilnehmer der Olympischen Spiele in London hin, deren Heimatländer man eher mit Krisen und Katastrophen verbindet, nicht mit Medaillengewinnern: Guor Marial und Daba Modibo Keita. Schon mal gehört?
Nein? Dann wird es Zeit.

Marial (28) stammt aus Bentiu im heutigen Südsudan. Seine Kindheit deutete wahrlich nicht auf eine Laufbahn als Olympiateilnehmer in: in der Grundschule erlebte er Überfälle der sudanesischen Armee und lernte, um sein Leben zu rennen. Zahlreiche Familienangehörige kamen während des Krieges ums Leben, er selbst schlug sich schließlich zu einem Onkel durch. Bei einem Überfall sudanesischer Soldaten wurde er schwer misshandelt.

Der Alptraum nahm ein Ende, als er zusammen mit seinem Onkel nach Ägypten floh und schließlich ein Visum und politisches Asyl in den USA bekam. Dort entdeckte ein Leichtathletik-Trainer bei einem Dauerlauf, dass der Junge auch nach mehreren Kilometern nicht die geringsten Zeichen der Anstrengung zeigte. Aus Guor Marial, dem Flüchtling, wurde Guor Marial, der Spitzensportler.

Die Olympia-Norm für den Marathon schaffte er locker. Blieb nur die Frage, für welches Land er starten würde. Marial hat nie die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Seine Heimat, der Südsudan, hat es im ersten Jahr seiner Unabhängigkeit nicht geschafft, eine Mannschaft nach London zu entsenden. Daraufhin schlug das Internationale Olympische Komitee, nicht eben berühmt für politische Feinfühligkeit, Marial vor, für den Erzfeind Sudan zu laufen. Marial verwies auf seine Kriegserfahrungen und lehnte dankend ab.
Nun wird er als „unabhängiger Athlet“ starten – ohne Nationalfahne auf der Brust, aber mit seiner Heimat im Herzen. Seine Bestzeit für den Marathon sind übrigens 2 Stunden 12 Minuten und 55 Sekunden. Damit könnte er am 12. August, dem Tag des Marathon-Wettbewerbs der Männer, unter die ersten zwanzig kommen.

Daba Modibo Keita (31) aus Mali hat zwar ein Land, das er in London vertritt. Bloß ist dieser Staat zur Zeit nicht vollständig. Seit mehreren Monaten halten militante Islamisten, die sich als Ableger von Al Kaida ausgeben, den Norden Malis besetzt. Sie wollen dort die Scharia als einzige Rechtsgrundlage einführen und ihre Herrschaft – so zumindest ihre Rhetorik –  auch auf den Süden ausdehnen. Das einzige, was sie bislang zustande gebracht haben, ist eine Flüchtlingskrise – und das in einer Region, der nach einem Dürrejahr ohnehin eine Hungersnot droht.
Mit der Scharia tun sie sich schwerer. Vor wenigen Tagen statuierte eine der islamistischen Gruppen ein grausames Exempel weit im Norden, wo ein Paar wegen Ehebruchs gesteinigt wurde. Doch in den größeren Städten, vor allem in Gao und Timbuktu, regt sich Widerstand in der Bevölkerung. Vor allem in Gao, so berichten lokale Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, halten sich die Besatzer erstaunlich zurück.

Zum Diktat islamistischer Extremisten gehört neben dem Terror gegen Frauen oft auch das Verbot, Sport zu treiben oder im Fernsehen Sportveranstaltungen zu verfolgen. Das gilt vor allem für Fußball. Fußball ist Malis quasi-heilige Passion. Zumindest in Gao wird weiterhin gekickt und ferngesehen – Scharia und Al Kaida hin oder her.

Daba Moudibo Keita ist kein Fußballstar, wohl aber der Held einer weiteren malischen Sportleidenschaft: Tae Kwon Do. Die Weltmeisterschaft im Schwergewicht hat er bereits gewonnen, und in London rechnet er sich Chancen auf eine Medaille aus. Man darf mit Spannung erwarten, wie die Fanatiker im Norden sich verhalten werden. Verbieten sie den Einwohnern nächste Woche, Dabas Kämpfe zu verfolgen, riskieren sie neue Proteste. Lassen sie es zu, erlauben sie eine Demonstration des Nationalstolzes, der sich gegen sie richten könnte.
Bleibt nur zu hoffen, dass Daba Modibo Keita mindestens ins Halbfinale kommt.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
Dieser Beitrag wurde unter Sport veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s