From Ukraine with Love – oder: der stete Strom der Waffen

Erinnert sich noch jemand an die MV Faina? Jener Frachter in ukrainischem Besitz und unter der Flagge von Belize wurde im September 2008 von somalischen Piraten gekapert und fünf Monate später für rund drei Millionen Dollar frei gekauft. Das Interessante an dem Schiff war nicht seine Zwangspause in somalischen Gewässern, sondern seine Ladung: 33 Kampfpanzer vom Typ T-72, 42 Luftabwehrgeschütze vom Typ ZPU-4, Container voller Munition, Panzerfäusten, Sturmgewehren, Mörsergranaten. Das Schiff legte schließlich im kenianischen Hafen von Mombasa an, löschte seine Fracht, die angeblich für Kenias Militär bestimmt war – und schließlich Monate später an ihrem eigentlichen Zielort auftauchte: dem Südsudan. Die Deal war ein klarer Verstoß gegen damals noch gültige Embargobestimmungen.

Eine hübsche, böse Globalisierungsgeschichte hatte sich da im Indischen Ozean entfaltet. Würde man ihre Stationen auf einer Landkarte markieren, ergäbe sich ein Geflecht von Routen, Verbindungen und Knotenpunkten, das man aus keiner Nachrichtensendung und aus keinem Schulatlas kennt. Eine Art versteckte Geografie. Zumindest bedarf es eines größeren Aufwands, um sie sichtbar zu machen. Investigative Archäologie könnte man diese Disziplin nennen.

Herauskommt dabei oft mühsame, aber lohnende Lektüre. Die Berichte von UN-Experten-Gruppen, eingesetzt, um die Einhaltung von UN-Sanktionen in Konfliktgebieten zu überprüfen, sind wahre Schatztruhen an Informationen – und oft auch direkte Anklagen gegen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats. Was hin und wieder dazu führt, dass sie unter Verschluss gehalten werden.

Amnesty International hat nun die größten Waffenlieferanten für den Kongo unter die Lupe genommen: China, Frankreich, die Ukraine und die USA. Ein Großteil der recherchierten Lieferungen waren, nun ja: legal. Soll heißen: Sie wurden (oft allerdings mit vagen Inhaltsangaben) den zuständigen UN-Stellen gemeldet. Sie verstießen auch nicht gegen das Waffen-Embargo, das der Sicherheitsrat 2008 für Armee und Sicherheitsbehörden aufgehoben hat. Aber sie hätten in dem Wissen um Menschenrechtsverletzungen im Kongo gar nicht erst dorthin verkauft werden dürfen – zumal das, was der kongolesischen Armee geliefert wird, nicht notwendigerweise bei der Armee bleibt. Der AI-Bericht enthält zum Beispiel Unterlagen über chinesische Munition, die offenbar kistenweise bei Hutu-Rebellen der FDLR gelandet sind, wo sie schließlich von UN-Blauhelmen gefunden wurden.

Die ukrainischen T-72 Panzer von der MV Faina sind übrigens auch wieder aufgetaucht. Die meisten wurden nahe der inzwischen umkämpften Grenze zum Sudan gesichtet. Der Small Arms Survey, eine der besten Informationsstellen zum Thema Kleinwaffen, hat die Spur in einem Report vom April 2012 verfolgt bis nach Mayom im südsudanesischen Bundesstaat Unity. Dort sind sie laut Informationen von AI auch gegen von Khartum unterstützte Rebellen eingesetzt worden – für den Beschuss von Städten und größeren Dörfern.

Die komplette Lieferung der ukrainischen Panzer an den Südsudan erfolgte übrigens über drei Schiffe verteilt. Gechartert hatten sie zwei Briefkastenfirmen, die in Großbritannien und auf der Isle of Man registriert sind. Einer der Frachter stand unter dem Management einer deutschen Firma. Die aber hat sich – rein rechtlich – nichts zu Schulden kommen lassen. Weil das Schiff nicht unter deutscher Flagge, sondern unter der von Antigua und Barbados fuhr, bestand für das Unternehmen keine gesetzliche Pflicht, die Fracht zu kontrollieren und die Fahrt notfalls zu stoppen.

Wie gesagt: so funktionieren die Wege der Globalisierung, die für uns fast nie sichtbar werden.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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