Afrika – Kontinent der ewigen Kriege oder des großen Aufbruchs? Eine Debatte

Schon mal von Macky Sall gehört? Nein, das ist nicht der Name eines amerikanischen Rappers. Das ist der Name von Senegals neuem Präsidenten, gewählt im März 2012. Sall war der Kompromiss-Kandidat einer politischen Reformbewegung, die sich erfolgreich und friedlich gegen die Wiederwahl des zunehmend autokratischen und korrupten Amtsinhabers Abdoulaye Wade zur Wehr setzte – mit Protestaktionen, sozialen Medien, politischer Kunst und dem schönen Slogan „Y’en a marre !“ Zu Deutsch: „Es reicht!“
Ein Hauch von arabischem Frühling im Afrika südlich der Sahara war da zu spüren (wobei es sich, wohlgemerkt, bei Wade nicht um einen Diktator wie Tunesiens Ben Ali oder Ägyptens Mubarak handelte, sondern um einen gewählten Staatschef mit zunehmend autoritären Zügen).

Der Fall Senegal passt nun so gar nicht in die Wahrnehmung von Afrika als Kontinent der ewigen Kriege und Katastrophen. Dieses „KuK“-Klischee ist derzeit Gegenstand einer regen Debatte, geführt in überwiegend englischsprachigen Medien, Büchern und Blogs. „Warfare in Independent Africa“ heißt der Titel eines Buches des amerikanischen Politikwissenschaftlers William Reno, in dem der Autor der neuen Generation afrikanischer Kriegsherren einen politischen und ideologischen Verfall attestiert – und damit ein anhaltendes Interesse an instabilen Verhältnissen und bewaffneten Konflikten.
Ins selbe Horn hatte vorher schon Jeffrey Gettleman, Afrika-Korrespondent der New York Times gestoßen. In „Africa’s Forever Wars“, erschienen im Frühjahr 2010 in Foreign Policy, trauerte er schon fast den alten Rebellenführern vom Schlage eines John Garang oder Yoweri Museveni nach. „Maybe it’s pure nostalgia, but it seems that yesteryear’s African rebels had a bit more class.“ Ok, jedenfalls hatten sie eine Vision für eine Zeit nach dem Krieg, während die Bosco Ntagandas dieser Welt den latenten oder offenen Konflikt offenbar brauchen wie die Luft zum Atmen. (Zu Ntaganda demnächst mehr)

Eine völlig andere Tonlage schlug unlängst der Economist an mit seiner Titelgeschichte „Africa Rising“ (Afrika steht auf). Afrika mal nicht als Kontinent von Kindersoldaten und Kriegsherren, sondern als Zukunftsmarkt mit 900 Millionen Konsumenten und einer aufstrebenden Mittelschicht. Angola, Nigeria, Ruanda, Äthiopien verzeichnen Wachstumsraten, von denen Europa bis auf Weiteres nur träumen kann. Angola, die ehemalige Kolonie stützt inzwischen die von Krisen gebeutelten Unternehmen Portugals, der ehemaligen Kolonialmacht. Ähnliche optimistische Prognosen gab auch das Wall Street Journal ab, und die Weltbank wagte unlängst gar die Prognose, Afrika stünde ein ökonomischer Sprung bevor ähnlich dem Chinas vor 30 Jahren.

Ewiger Alptraum oder kurz vor dem Durchbruch – wie können Experten zu so unterschiedlichen Einschätzungen kommen? Ganz einfach: indem sie reale Phänomene benennen, ihre Schlussfolgerungen überspitzen und dann auf einen höchst heterogenen Kontinent projizieren. Bloß ist Ghana eben nicht Kongo, zwischen Somalia und Senegal liegen Welten, und Südafrika hat herzlich wenig gemein mit Guinea-Bissau.

Es passt eben überhaupt kein Klischee mehr, weswegen man vorsichtig sein sollte mit dem Ausrufen großen Trends. Angolas Ölreichtum und Cash-Flow sind gigantisch, die soziale und innenpolitische Lage aber prekär. Die blutigen Konflikte im Ostkongo eskalieren derzeit wieder, weder der Südsudan noch Somalia sind auch nur annähernd befriedet, doch die Zahl und der Blutzoll von Bürgerkriegen sind heute deutlich niedriger als vor zehn oder fünfzehn Jahren. Die afrikanische Mittelschicht ist tatsächlich rapide gewachsen in den vergangenen Jahren, nur ist die Existenz der middle class eben sehr viel fragiler als in den USA oder Europa – sehr anschaulich nachzulesen in einem deutschen Beitrag zu dieser Debatte: in Bettina Gaus‘ Buch „Der unterschätzte Kontinent – Reise zur Mittelschicht Afrikas“. (Ebenfalls lesenswert in diesem Zusammenhang: Dominic Johnsons „Afrika vor dem großen Sprung“)

Um die Warnung vor allzu umfassenden Bilanzen und Prognosen sofort selbst zu konterkarieren, gibt’s zum Abschluss gleich zwei davon: Der Kontinent ist heute zweifellos in deutlich besserer Verfassung als vor dreißig Jahren (als Diktatoren unter der Patronage der jeweiligen Supermacht mit Volk und Staat umspringen konnten wie sie wollten, während IWF und Weltbank den westlich orientierten unter ihnen eine verheerende „Marktliberalisierung“ diktierten). Es geht ihm auch besser, als vor zwanzig Jahren (als eben diese Diktaturen nunmehr ohne Supermacht im Rücken reihenweise kollabierten und eine Serie von verheerenden Kriegen in Gang kam). Und es geht ihm besser als vor zehn Jahren, dank neuer Technologien, Fortschritten bei der Bekämpfung von Krankheitsepidemien, besserer Bildung, wachsenden Investitionen. So weit die Bilanz.

Die Prognose: Nicht nur der Kontinent, auch die Krisen haben sich diversifiziert. Klimawandel, volatile Lebensmittelpreise, Landkonflikte, Finanzkrise beschleunigen sich heute oft wechselseitig. Die Bewältigungsstrategien afrikanischer Gesellschaften mit Ein-und Umbrüchen aller Art werden im Westen immer noch gern unterschätzt, aber das neue Krisengeflecht wird sich nicht allein dank Wachstumsraten von selbst entschärfen. Ein weiteres Problem kommt hinzu: Der Schlachtruf  vom „Krieg gegen den Terror“ reicht längst von Zentralasien und dem Mittleren Osten weit nach Afrika hinein. Al Shabaab in Somalia, Boko Haram in Nigeria, Ansar Dine in Mali – all diese Gruppen sind zuallererst ein somalisches, ein nigerianisches und ein malisches Problem. Aber inzwischen stellen westliche Geheimdienste und Regierungen sie nur allzu gern in die Reihen des globalisierten Dschihad. Und vor allem die US-Regierung nutzt diese neuen religiösen Fronten nur allzu gern, um ihre militärische Infrastruktur in Afrika aufzubauen. Dronen-Stürzpunkte in Äthiopien und Dschibouti, von der CIA „gesponserte“ Gefängnisse in Mogadischu, Special Forces-Truppen in diversen afrikanischen Staaten.

Zwei zentrale Schauplätze dieses „Krieges gegen den Terror“ sind Nigeria und Kenia – beides Länder, die eigentlich die Rolle des Zugpferdes beim großen wirtschaftlichen Aufbruch spielen sollen.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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