Syrien und die Macht der Bilder – oder: warum Sie einfach mal wegschauen sollten

Jetzt ist es amtlich: Hervé Ladsous, UN-Chef für Blauhelmeinsätze, hat das Blutvergießen in Syrien zum Bürgerkrieg erklärt. Weiter schwere Gefechte in Homs, Warnungen vor einem neuen Massaker an Zivilisten in der Stadt Haffa, die Rebellen schießen mit allem, was ihnen aus Saudi-Arabien und Katar an Waffen geliefert wird, Assads Armee greift mit allem an, was ihm Iran und Russland in den vergangenen Jahren geliefert haben – unter anderem Kampfhubschrauber. Journalisten sind nur noch wenige vor Ort, aber Syrien dominiert weiterhin Nachrichtenbilder und Schlagzeilen mit Satellitenaufnahmen zerschossener Städte, verschwommenen Handyfilmen von Anschlägen auf Armeepanzer, Fotos von Opfern von Massakern.

Wem das zur Steigerung des eigenen Entsetzens nicht reicht, der kann seit Montag einen UN-Bericht über die Lage von Kindern in diesem Bürgerkrieg abrufen. Die UN werfen den Rebellen vor, Minderjährige als Kämpfer einzusetzen. Sie beschuldigen aber vor allem Assads Soldaten und Milizionäre, Kinder zu massakrieren, sie zu foltern und als Schutzschilde zu missbrauchen.

All das liest und sieht man, spürt die eigene Wut und Hilfslosigkeit, wünscht sich die bewaffneten Retter herbei (in welcher Uniform auch immer) – und geht dann Einkaufen oder einen Latte Macchiato trinken.

Deshalb an dieser Stelle zwei Tipps:
1. Schauen Sie weg! Ignorieren Sie die Bilder! Und lassen Sie sich von niemandem einreden, das sei hartherzig, unmenschlich oder zynisch. Weil es nämlich genauso hartherzig, unmenschlich und zynisch ist, die neuen Massaker im Ostkongo und die Luftangriffe auf Zivilisten im Sudan zu ignorieren. Von denen gibt es kaum Bilder, dafür aber viele detaillierte Berichte.
2. Lesen Sie! Was? Die Reports von Human Rights Watch (HRW); den jüngsten Bericht von amnesty international über den Bruch des Waffenembargos im Kongo; den Offenen Brief der International Crisis Group zur katastrophalen Lage im Kongo an den UN-Sicherheitsrat; und den schon erwähnten UN-Bericht zur Lage von Kindern in bewaffneten Konflikten. Der befasst sich eben nicht nur mit Syrien, sondern auch mit Menschenrechtsverletzungen an Kindern im Jemen, im Sudan, in Myanmar und anderen Ländern. Nicht, um klar zu machen, dass die Welt unendlich schlecht ist. Sondern um Verbrechen zu dokumentieren und Fortschritte wie auch Rückschläge im Kampf dagegen zu beschreiben. Also, um nach bestem Wissen und Gewissen Zeugnis abzulegen, zu informieren und damit die Grundlage für politisches Handeln zu schaffen.

Im Sudan kann dieses Handeln in vermehrtem internationalen Druck auf Khartum und Juba bestehen und im Hofieren Chinas, sich dort als Friedensstifter profilieren zu können. Im Fall des Ostkongo in einer Neuausrichtung der UN-Mission und im shaming and blaming der ruandischen wie auch der kongolesischen Regierung, die diese neue Kriegsrunde gezielt eskalieren. In Syrien könnte der Einsatz von Drohnen helfen. Nicht zum Bombardieren, sondern zu einer permanenten Video-Überwachung der Ereignisse am Boden, die man jederzeit und bei jeder Gelegenheit Angehörigen der russischen und chinesischen Regierung vorspielen sollte.

Drei Konflikte (und es sind derzeit die wohl drei gefährlichsten und verheerendsten). Kein „quick fix“. Aber einige Optionen.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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