Aus dem Leben des „Terminators“ – oder: Kongos Flüchtlinge der Nacht

Nach kurzer Pause geht es unter neuer Adresse weiter – und natürlich hätte man den ersten Eintrag gern über etwas anderes geschrieben als die neueste Rebellion samt Flüchtlingsnot im Osten des Kongo. Aber in diesem Blog geht es um den Alltag von Menschen in prekären Umgebungen. Der besteht derzeit für viele Menschen in der kongolesischen Provinz Nord-Kivu wieder einmal im „Überleben mit dem Bündel auf dem Kopf“. Vivre – les baluchons sur la tête. So hat Onesphore Sematumba vom Pole-Institut, einem Think Tank in Goma, die aktuelle Lage von derzeit einigen Zehntausend Kongolesen überschrieben.

Ihr aktuelles Problem heißt Bosco Ntaganda, besser bekannt unter seinem Spitznamen „Terminator“, den er sich durch diverse Gräueltaten in einer langen Karriere als Kriegsherr redlich verdient hat. (Human Rights Watch dokumentiert die Vorwürfe  gegen ihn in einem kurzen, aber sehr eindringlichen Video.)

Ntaganda hätte eigentlich neben seinem einstigen Weggefährten Thomas Lubanga auf der Anklagebank des Internationalen Strafgerichtshofes (ICC) in Den Haag sitzen sollen. Der war am 14. März im ersten Urteil des ICC  der Rekrutierung von Kindersoldaten schuldig gesprochen worden. Ntaganda war damals (während des mehrjährigen Bürgerkrieges im nordöstlichen Bezirk Ituri) Lubangas Militärchef gewesen. Als Letzterer schließlich in die Fänge der kongolesischen Behörden und des ICC geriet, hatte der „Terminator“ trotz Haftbefehl sein Aktionsfeld bereits in die Kivu-Provinzen verlegt. In Nord-Kivu ist sein Name seither unauslöschlich mit einem Massaker in der Ortschaft Kiwanja verbunden, wo Truppen unter seinem Kommando im November 2008 rund 150 Menschen, überwiegend Jungen und Männer, ermordeten, weil sie im Verdacht standen, „feindliche Kämpfer“ zu sein. Oder solche werden zu können.

Bevor nun irgendjemand Ntaganda den Part des neuen Teufels für die nächste Internet-Superhype-Promi-Kampagne à la „Kony2012“ zuteilt, hier ein paar Details aus der Biografie des „Terminators“. Nicht, weil diese mildernde Umstände offen legten. Sondern weil sie viel erklären über die Geschichte der Region und den Rollenwechsel mancher Akteure zwischen Kriegsverbrecher und Dealmaker.

Ntaganda ist ein Tutsi, geboren 1973 in Ruanda. Als Jugendlicher flieht er vor den Repressionen gegen Tutsi in den Ost-Kongo. Mit 17 schließt er sich der „Rwandan Patriotic Front“ (RPF) des späteren Präsidenten Paul Kagame an. Die stoppt 1994 den Genozid in Ruanda, bei dem Hutu-Extremisten rund 800.000 Tutsi und moderate Hutu ermordeten. Ntaganda wird in die neue Armee Ruandas übernommen, nimmt teil am ersten Kongo-Krieg 1996, als ruandische Militärs die Stützpunkte der génocidaires in den Hutu-Flüchtlingslagern im Kongo auflösen, gleichzeitig erfolgreich den Sturz des maroden Mobutu-Regimes in Kinshasa betreiben – und dabei unzählige Kriegsverbrechen an ruandischen Hutu-Flüchtlingen und der kongolesischen Zivilbevölkerung begehen.

Krieg – und die damit verbundenen Privilegien der Warlords – werden für Ntaganda zur Lebensform. Er ist beim zweiten Kongo-Krieg dabei, als der östliche Teil des Riesenlandes faktisch unter ugandische und ruandische Besatzung gerät. Er ist in Ituri dabei, als dort der Konflikt zwischen Fraktionen der Hema und der Lendu eskaliert – ein „Krieg im Krieg“ entlang ethnischer Linien, der an die Fronten in Ruanda erinnert. Dort begründet er seinen Ruf als „Terminator“ mit einem Massaker an hunderten von Lendu in der Bergbaustadt Mongbwalu.
Der Umstand, dass er nicht nur Befehle erteilt, sondern selbst tötet, bringt ihm unter seinen Kämpfern ebenso Anerkennung ein wie seine Praxis, Mädchen als „Kriegsbräute“ zu entführen.

Die Fronten des ruandischen Konflikts verlaufen weiterhin durch den Ost-Kongo. Ntaganda wird zu einem berüchtigten Kommandanten von Laurent Nkundas „Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes“ (CNDP), der in Nord-Kivu einen kleinen Staat im Staat errichtet und als selbsternannter Schutzpatron der kongolesischen Tutsi vorgibt, diese gegen die Trupps der FDLR, die im Kongo aktive Nachfolgeorganisation der genocidaires, schützen zu müssen. Dass beide Gruppen es wohlweislich vermeiden, sich beim Plündern von Rohstoffen und dem Erheben von Wegzöllen ins Gehege zu kommen, steht auf einem anderen Blatt.
Als Nkunda 2009 etwas zu ehrgeizig wird und eine direkte Konfrontation mit der Regierung von Joseph Kabila in Kinshasa androht, geschieht ein mittleres geostrategisches Wunder. Die Erzfeinde Kabila und Kagame machen einen Deal: Ruandas Armee darf auf kongolesischem Boden die FDLR jagen und stellt im Gegenzug Nkunda kalt und seine Hilfe für den CNDP ein. Nkunda kommt unter Hausarrest in Ruanda – und Bosco Ntaganda führt nunmehr seinen CNDP in die Reihen der kongolesischen Armee, die ihm den Rang eines Generals verleiht. Die UN-Mission macht gute Miene zum bösen Spiel.

Ein Teufelspakt – gewiss. Aber einer, den man vertreten kann, wenn alle anderen Optionen zu diesem Zeitpunkt schlimmer erscheinen. Hauptsache, die FDLR wird endlich aufgerieben. So lautete damals die Devise der UN allen Protesten von Menschenrechtsgruppen zum Trotz. Die neue Entente zwischen Kinshasa und Kigali erwies sich als politisch durchaus produktiv, die militärische Kampagne gegen die FDLR als zunächst verheerend für Zivilisten, die immer wieder Terrorakten der Rebellen und Plünderungen der Armee zum Opfer fielen. Inzwischen scheint eine Strategie der Zermürbung (gezielte Killing Missions gegen FDLR-Führer und eine recht erfolgreiche Demobilisierungskampagne der UN) Wirkung zu zeigen.

Bosco Ntaganda genoss unterdessen sein Dasein als General außerhalb der Reichweite des ICC, spazierte durch Goma, fädelte spektakuläre Gold-Geschäfte ein, verfeinerte sein CNDP-Netzwerk innerhalb der kongolesischen Armee, scheffelte Waffen und Geld. Eine klassische, kongolesisch-ruandische Biografie.
Allerdings eine, die bald ein unfriedliches Ende nehmen dürfte. Denn Ntagandas politisch-militärischer Wert hat sich für die Regierung in Kinshasa abgenutzt. Viele kongolesische Offiziere waren von der Integration des CNDP in die Armee noch nie begeistert und wollen nun endlich dessen Parallelstruktur zerschlagen. Da trifft es sich, dass nach dem Schuldspruch des ICC gegen Thomas Lubanga die internationalen Rufe nach einer Verhaftung des „Terminators“ wieder lauter geworden sind.

Also begannen Ntagandas Gefolgsleute Anfang April in beiden Kivu-Provinzen zu meutern. In Süd-Kivu landeten die Anstifter schnell in Haft. In Nord-Kivu halten Kämpfe zwischen Armee und CNDP-Trupps an. Und deshalb sind wieder einmal Tausende auf der Flucht – mit dem Bündel auf dem Kopf. Viele ziehen bei Einbruch der Dunkelheit über die Grenze ins benachbarte Uganda und kehren tagsüber zurück, um die Felder zu bestellen. Night Commuters. So nannte man auch schon die Kinder und Jugendlichen in Norduganda, die einst aus Angst vor Überfällen von Joseph Konys LRA abends zu tausenden aus ihren Dörfern zum Schlafen in Schulen und Kirchen des nächst größeren Ortes wanderten.

Ntaganda soll sich übrigens in den Virunga-National Park zurück gezogen haben. Eine atemberaubend schöne Region. Aber leider auch ein verdammt gutes Versteck für gesuchte Kriegsverbrecher. Und wer nun wissen möchte, ob die Lage im Osten mit dem Ende des „Terminators“ endlich stabiler werden könnte, dem kann man nur sagen: Nichts glauben. Und alles für möglich halten.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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