Der Boxer von Tripolis

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Libysche Boxer beim Sparring im Ittihad-Club in Tripolis ©Andrea Böhm

„Boxen ist eher eine Sache des Geschlagenwerdens als des Schlagens“, hat die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates in ihrem großartigen Essay „Über Boxen“ geschrieben. Es gehe mehr darum, Schmerz auszuhalten als zu gewinnen.

Der ehemalige libysche Boxchampion Mahmoud Boshkewa hat in seinem Leben viel Schmerzen ausgehalten. Nicht so sehr im Ring, wo er meistens gewonnen hat, sondern unter dem Regime des Diktators Muammar al-Gaddafi, der das Boxen verbieten ließ, und dessen Gefängniswärter Boshkewas großen Traum zerstörten.

Wie der ehemalige Champion nach dem Sturz Gaddafis als Trainer wieder von vorn anfing und nun junge Boxer in Tripolis trainiert, habe ich für die ZEIT in der Reportage „Der gegen den Diktator boxte“ aufgeschrieben.

„Für die, die kämpfen…“ – diese Widmung hatte Oates ihrem Buch voran gestellt. Erschienen ist es in der englischen Originalfassung im Jahr 1987. Diese Worte passen ebenso gut in das Jahr 2017.

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Mahmoud Boshkewa mit einem seiner Schüler im Ittihad-Club©Andrea Böhm

 

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Ein gutes neues Jahr !

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

Thanks for hanging on in 2016 ! Das neue Jahr wird vermutlich nicht ruhiger und nicht friedlicher als das alte. Gerade deswegen: Alles Gute, viel Kraft und eine Zeile von Leonard Cohen, der jetzt irgendwo am anderen Ufer sitzt:

„There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.“

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Himmel über Tyre ©Andrea Böhm

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Fight like a Girl !

Welch eine schöne Meldung! In Zeiten, da ein Mann US-Präsident wird, der mit seiner Verachtung für Frauen prahlt und gegen Muslime hetzt, taucht ein Mädchen mit dem schönen Namen Tajamul Islam auf – and kicks some ass.
Tajamul ist acht oder neun Jahre alt (ganz einig sind sich die verschiedenen Medien da nicht), kommt aus der Region Kaschmir (die auch nicht eben friedlich ist) und hat vor wenigen Tagen in Italien in ihrer Altersklasse die Weltmeisterschaft im Kickboxen gewonnen.

Dass Mädchen Kampfsport betreiben, ist inzwischen (halbwegs) normal und bekannt. Das Karate, Tae Kwon Do, Boxen und Kickboxen unter jungen Muslima zunehmend populär ist, hat sich noch nicht so richtig herum gesprochen.
Ich hatte auf meinen Reisen das Vergnügen, einige von ihnen zu treffen und mit ihnen zu trainieren. Besonders beeindruckt war ich von Shabnan und Shala, die ich im September 2007 in Kabul kennen gelernt habe. Sie trainierten in jenem Sportstadion, in dem die Taliban einst während der Halbzeit der Fußballspiele Menschen exekutierten. Und sie trainierten trotz Drohungen, die Islamisten gegen Frauensport ausstießen.

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Shabnan und Shala 2007 in Kabul ©Andrea Böhm

Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Ich hoffe, sie sind gesund, leben in Sicherheit, haben die Schule abgeschlossen und nicht vergessen, wie man eine Faust ballt.

Die leidige Kopftuch-Debatte geistert ja weiterhin durch die westlichen Medien und verzerrt auf absurde Weise unser Bild von muslimischen Frauen. Wer immer noch der Meinung ist, unter jedem Hidschab stecke eine unterdrückte Muslima, dem empfehle ich eine Runde Sparring mit Shymaa Abouel Yazed. Sie ist Karate-Weltmeisterin aus Ägypten, verheiratet, Mutter einer Tochter, Kopftuchträgerin und leidenschaftliche Verfechterin der Idee, dass Frauen alles erreichen können, was sie wollen. Ihre Begeisterung für ihren Sport überträgt sie als Trainerin auf Dutzende von Nachwuchskämpferinnen, die auf meine Frage, was sie später einmal werden wollen, antworteten: „Weltmeisterin!“

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Shymaas Schülerinnen beim Training in Kairo ©Andrea Böhm

Die Recherche für mein Portrait über Shymaa war eine der bislang schönsten Erfahrungen während meiner Zeit als Korrespondentin im Nahen Osten und Nordafrika. Und meine erste Begegnung mit einer Weltmeisterin.

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Mit Shymaa Abouel Yazed in Kairo 2015

Ich habe im irakisch-kurdischen Erbil Tae Kwon Do-Kämpferinnen getroffen, die von einer kurdischen Nationalmannschaft träumen; ich habe in Beirut verfolgt, wie Mädchen der Judo-Kämpferin Carmen Chammas nacheifern, der ersten Judoka, die für den Libanon bei Olympischen Spielen angetreten ist.
Ihnen wird längst noch nicht dieselbe Aufmerksamkeit und Förderung zu Teil wie den Männern, aber sie räumen Geschlechterklischees beiseite. Jeder Kampfschrei ist ein weiterer Kratzer am Bild des passiven Mädchens, das andere über sein Leben und über seine „Ehre“ bestimmen lässt.

Man könnte das jetzt allein unter arabischer, indischer, muslimischer Frauenpower verbuchen. Aber alle, die ich hier genannt habe, haben außer Schlagkraft, Schnelligkeit und Durchhaltevermögen noch eines gemeinsam: Eltern, vor allem Väter, die sie unterstützen, bestärken, anfeuern. Die stolz sind auf ihre kämpfenden Töchter, obwohl die Nachbarn tuscheln und die Verwandten Schimpf und Schande wittern.
Tajamul Islams Vater ist ein LKW-Fahrer, der seine Tochter in den Kickboxing-Club schickte, weil sie erklärt hatte: „Das will ich machen.“
Shabnan und Shala’s Väter erlaubten ihnen das Boxen, obwohl sie und ihre Trainer von Islamisten bedroht wurden. Shymaas Vater passte wochenlang auf seine kleine Enkelin auf, während sie in der Sporthalle Liegestütze stemmte und stundenlanges Sparring absolvierte.
Nicht nur die Töchter sind Vorreiterinnen für die nächste Generation, ihre Väter sind es auch.
Ladies, keep kicking and punching! Fight like girls – and teach the others !

 

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Not so bad: wie sich Amerikaner auf Trump vorbereiten

„Not so bad news“ – diese Kategorie von Nachrichten ist wichtiger denn je. Nicht, damit man sich einreden kann, dass alles nicht so schlimm ist. Sondern, um das Wichtigste im Blick zu behalten: die Möglichkeiten, auf den globalen Rechtsruck zu reagieren. Und die Menschen, die das längst tun.
Schreien ist natürlich immer gut ….

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 Wandbild in der Lower East Side ©Andrea Böhm

… aber es gibt auch noch andere Optionen. Hier zwei Beispiele aus den USA:
Donald Trump will nicht nur  eine Mauer entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze bauen (inzwischen soll es in einigen Abschnitten „nur“ ein Zaun sein), sondern auch Millionen von illegalen Immigranten abschieben.
Die Bürgermeister mehrerer amerikanischer Großstädte – darunter New York, Chicago, Seattle, San Francisco und Los Angeles – haben nun erklärt, dass sie „sanctuary cities“, also „Städte der Zuflucht“ sind. Sie werden Anordnungen von Massenabschiebungen nicht befolgen und dabei auch nicht mit Bundesbehörden kooperieren.
Warum es „sanctuary cities“ schon lange gibt, warum Immigranten ohne Aufenthaltsstatus in vielen amerikanischen Städten ihre Kinder zur Schule schicken, Steuern zahlen, aber auch Sozialleistungen empfangen, und warum auch die meisten Polizeiverbände in den USA das für richtig halten, erklärt dieser Artikel in der „Washington Post“.

Was in den vergangenen Jahrzehnten nur zäh oder gar nicht voran gekommen ist, hat Trumps Wahlsieg in wenigen Tagen möglich gemacht: Eine große Allianz zwischen Juden und Muslimen.
Zwei der größten Verbände dieser Glaubensgemeinschaften, das „American Jewish Committee“ und die „Islamic Society of North America“, haben die Gründung des gemeinsamen „Muslim-Jewish Advisory Council“ bekannt gegeben. Seine Ziele: die Leistungen von Juden und Muslimen in der amerikanischen Gesellschaft hervorheben und in der Ära Trump eine gemeinsame Strategie gegen Islamophobie und Anti-Semitismus entwickeln.
Zu den Gründungsmitgliedern gehören Geschäftsleute, Kongressabgeordnete, Bürgerrechtler, Rabbiner, Imame. „Unsere Glaubensgemeinden haben viel gemeinsam“, erklärte der Ko-Vorsitzende des Rats, Stanley Bergman, „und sie sollten, wo immer möglich, Wege finden, zum Wohl des Landes zusammenzuarbeiten.“

Na endlich, möchte man sagen – und den „Muslim-Jewish-Advisory Council“ gleich den entsprechenden Gruppen in Europa zur Nachahmung empfehlen. Und die Nicht-Muslime und Nicht-Juden? Bitte spenden, unterstützen und kooperieren.

Not so bad news – davon gibt’s demnächst mehr an dieser Stelle.

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Trump’s Sieg ? Die Mehrheit hat Hillary gewählt!

Aus gegebenem Anlass ein Eintrag zu einem Ereignis außerhalb des Nahen Ostens, meines derzeitigen Berichtsgebietes:
So tief der Schock über den Wahlausgang in den USA sitzt – sich jetzt ständig in Untergangszenarien zu ergehen ist, well, bad attitude. Wer in Gejammer versinkt, übersieht schnell wichtige Fakten. Zum Beispiel, dass die Mehrheit der Amerikaner am 8. November nicht Donald Trump, sondern Hillary Clinton gewählt hat. Trumps Wahlsieg geht auf das – mit Verlaub – ziemlich absurde System des „electoral college“, des Wahlmännergremiums zurück. Der Filmemacher Michael Moore erklärt das in seinem, wie immer wuchtigen, Kommentar zur Wahl und gibt seinen Landsleuten gleich noch eine „To-Do-List“, um gegen den Trumpismus anzutreten.

Es lasse sich also niemand einreden, in den USA seien am 8. November Liberalismus und progressive Politik gestorben. Sie haben einen KO-Schlag einstecken müssen. Und jetzt beginnt die Arbeit, sie wieder auf die Beine zu bringen. Auch und gerade in Europa, wo die Rechtspopulisten jubilieren und hoffen, bei den nächsten Wahlen in Frankreich und Deutschland auf der Trump-Welle reiten zu können. Also noch eine „To-Do-List“: Lesen, analysieren, unkonventionell denken, handeln.

Deshalb an dieser Stelle eine weitere Lektüre-Empfehlung: Ein Kommentar meines Kollegen Lenz Jacobsen von ZEIT Online über die Macht des Politischen, die mit der Wahl Trumps zurückgekehrt ist. Und eine Analyse der Gründe für Trumps Popularität. Ausführlich und lohnend.

Die Rechten in den USA haben immer gewusst, dass permanenter politischer Aktivismus unerlässlich ist. Die Linken und Liberalen haben sich nach ihren Wahlerfolgen – Clinton in den 1990ern und Obama in den 2000ern – lieber zurück gelehnt und waren dann enttäuscht, wenn ihre Präsidenten in Washington gegen Mauern liefen. Also, dies- und jenseits des Atlantiks: Wake Up! It’s Showtime!

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Beirut, my Love

Das Schöne muss man in diesen Zeiten fest halten, wann immer es einem begegnet.
Beirut am Abend – die phantastische Fassade des ebenso phantastischen Sursock-Museum.

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©Andrea Böhm

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Mossul

Mossul heisst der Grund für die kleine Blog-Pause. Ich war einige Zeit rund um die „Hauptstadt“ des „Islamischen Staates“ unterwegs.

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©Andrea Böhm

Meine Reportage über die Offensive zur Befreiung der Stadt und über die Lebensgeschichte der Mossulerin Maysoon Al Bayati ist in der aktuellen Ausgabe der ZEIT zu lesen – und demnächst auch bald auf ZEIT-Online.

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Auf dem Mossul-Blog von ZEIT-Online erscheinen zudem Posts von meinem Kollegen  Yassin Musharbash und mir. Mein jüngster Eintrag dort ist einem anderen Blogger gewidmet: dem anonymen Autor von „Mosul Eye“, einem unendlich mutigen Menschen, der seit der Eroberung seiner Stadt durch den IS dessen Verbrechen und Taktiken dokumentiert.

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