Beirut im Hier und Jetzt

Frühlingsanfang in Beirut. Wie gemalt. Die Bäume blühen….

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Beirut Downtown ©Andrea Böhm

…und die Religionen scheinen sich in aller Harmonie den Himmel zu teilen.

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©Andrea Böhm

Das Symbol des dritten großen monotheistischen Glaubens fehlt. Was nicht daran liegt, dass es in Beirut keine Synagoge gäbe. Es gibt eine, die Maghen Abraham Synagoge, im Bürgerkrieg schwer beschädigt, inzwischen wieder restauriert. Allerdings hat sie keinen Turm, mit dem sie mit Moscheen und Kirchen konkurrieren könnte. Und sie hat derzeit auch keine Gläubigen.

Angeblich leben noch rund 200 Juden im Libanon. Sie halten es bis auf Weiteres nicht für ratsam, sich öffentlich zum Gebet zu versammeln. Oder mit Journalisten zu sprechen. Das ist eine längere Geschichte, die ich gerne aufschreiben würde. Vielleicht finde ich ja doch noch jemanden aus der Gemeinde, der erzählen will.

Bis dahin stelle ich mir einfach vor, dass die jüdischen Beirutis an einem Tag wie diesem, an dem die Sonne schon wärmt und die Luft noch kühlt, an der Corniche entlang spazieren. Genau wie die anderen aus der Stadt – Schiiten, Sunniten, Griechisch-Orthodoxe, Drusen, Katholiken, Armenisch-Orthodoxe, Chaldäer, Assyrische Christen, Ismaeliten und was immer sich sonst noch über die Jahrtausende von einander abgespalten hat. An der Corniche machen sie an diesen Frühlingstagen alle dasselbe:
Sie schauen auf’s Meer.

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Trump und die Muslime – oder: Der Wutbürger im Weißen Haus gegen die iranische Barbara Streisand

Die gute Nachricht immer zuerst: Mit einer einstweiligen Verfügung hat ein Bundesrichter im US-Staat Washington das Einreiseverbot von Präsident Donald Trump gegen Bürger aus sieben mehrheitlich muslimischen Staaten vorerst aufgehoben. Dass der Richter – James Robart ist sein Name – keineswegs zu den liberalen Juristen des Landes gehört, sondern von George W. Bush ernannt worden ist, sagt einiges aus über den politischen und juristischen Widerstand, den Trump mit seinem Erlass zum „Schutz der Nation vor der Einreise ausländischer Terroristen in die Vereinigten Staaten“ provoziert hat.

Eine endgültige juristische Niederlage ist dies nicht. Das Weiße Haus will Widerspruch einlegen. Vor zahlreichen anderen Gerichten sind ebenfalls Verfahren anhängig, deren Urteile unterschiedlich ausfallen können.

Welche Motive, welche Ideologien aus Trumps ersten Amtstagen herauszulesen sind, haben viele zu analysieren versucht. Einen, wie ich finde, besonders lesenswerten Essay  hat der konservative Publizist David Frum in „The Atlantic“ unter dem Titel „How to Build an Autocracy“ veröffentlicht.

Warum Trumps tiefe Verachtung für Staat, Grundrechte und Gemeinwohl eine große Geistesverwandtschaft mit den autoritären Kleptokraten des Nahen Ostens aufzeigt und warum sein Einreiseverbot auch die prominente iranische Sängerin und Regimegegnerin Googoosh, die „iranische Barbara Streisand“, getroffen hat, habe ich hier auf ZEIT Online aufgeschrieben.

Warum Kunst heute politischer denn je ist, sieht man an diesem Bild des Künstlers Shepard Fairey.

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Aus der Serie „We The People“ des amerikanischen Künstlers Shepard Fairey

Warum keineswegs alle Muslima in den USA mit diesem Bild einverstanden sind, kann man in diesem Kommentar der in Chicago lebenden Künstlerin und Autorin Hoda Katebi nachlesen.

Und warum man in diesen aberwitzigen Zeiten dringend Pausen einlegen muss, erklärt ganz wunderbar die Anwältin und Bürgerrechtlerin Mirah Curzer in ihrem Post „How to #StayOutraged Without Losing Your Mind“.

Wie man empört bleibt, ohne den Verstand zu verlieren.

 

 

 

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Von Hyänen und Wölfen

 

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Winter in Laqlouq ©Andrea Böhm

Man muss nur die Ortsmarke verdrängen und schon verzaubert einen diese Welt. Ein Januartag in den libanesischen Bergen. Hinter den Gipfelketten liegt Syrien. Wir, eine Gruppe von Leuten, die jeden Sonntag mit Schneeschuhen aufbrechen, reden nicht vom Krieg. Politik hat unter einem solchen Himmel nichts zu suchen. Das sind die kleinen Kopffluchten, die man in diesen Zeiten braucht.  Wir rätseln über Tierspuren im Schnee – Hund ? Oder doch ein Wolf ? Wölfe gibt es in den libanesischen Bergen, im Anti-Libanon sind sogar Schwarzbären gesichtet worden. Eine Hyäne habe ich selbst schon gesehen. Erschossen von Bauern, die Angst um ihr Vieh hatten.

Viel Platz lässt man der Wildnis nicht mehr. Der Libanon begräbt die Spuren seines Bürgerkriegs unter Schnellstraßen, Shopping Malls und Apartmentklötzen. Als müsste man die Natur bestrafen. Auch die Dörfer in den Bergen bleiben nicht verschont. Ski-Anlagen, Hotels, Müll-Deponien, Luxusanlagen für Investoren vom Golf, die Festungen gleichen. Wir stapfen am ummauerten Privatgelände auf einem Hügel vorbei. Ein Millionär aus Katar hat sich hier für jeden seiner Söhne eine Villa bauen lassen. „Die sind nicht oft hier“, sagen die Dörfler achselzuckend. „Vielleicht einmal im Jahr für ein paar Tage.“

In ein paar Wochen wird die Schneeschmelze einsetzen. Dann, ab April, ist der Lebanon Mountain Trail wieder passierbar, eine 470 Kilometer lange Gebirgsroute von Andqet im Norden bis nach Marjaayoun im Süden.
Es ist die libanesische Variante des Appalachian Trail in den USA. Um einiges kürzer natürlich, aber dafür mit viel mehr Symbolik beladen, weil er Dörfer und Gebiete verbindet, die noch vor knapp 30 Jahren miteinander im Krieg standen. Auf der Karte sieht die Wanderstrecke aus wie ein Rückgrat, das ein extrem fragiles Land zusammenhält.

Jedes Jahr im April machen sich die Freunde des Lebanon Mountain Trail auf, um ihn in 30 Etappen abzulaufen. Vom sunnitischen Norden, durch maronitische, drusische, katholische, armenische oder auch gemischte Dörfer bis in den schiitischen Süden.
2017 ist das nicht nur eine Wanderung, die die Einigkeit des Landes beschwören soll, sondern auch eine Demonstration zum Schutz der Berge vor Baggern und Betonmischern, vor der Privatisierung der Naturlandschaft.
Für ein paar Etappen werde ich mich vielleicht anschließen. Zu Fuß spürt man am besten, wie fest der Boden ist, auf dem man lebt. Und wie kostbar.

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Der Boxer von Tripolis

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Libysche Boxer beim Sparring im Ittihad-Club in Tripolis ©Andrea Böhm

„Boxen ist eher eine Sache des Geschlagenwerdens als des Schlagens“, hat die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates in ihrem großartigen Essay „Über Boxen“ geschrieben. Es gehe mehr darum, Schmerz auszuhalten als zu gewinnen.

Der ehemalige libysche Boxchampion Mahmoud Boshkewa hat in seinem Leben viel Schmerzen ausgehalten. Nicht so sehr im Ring, wo er meistens gewonnen hat, sondern unter dem Regime des Diktators Muammar al-Gaddafi, der das Boxen verbieten ließ, und dessen Gefängniswärter Boshkewas großen Traum zerstörten.

Wie der ehemalige Champion nach dem Sturz Gaddafis als Trainer wieder von vorn anfing und nun junge Boxer in Tripolis trainiert, habe ich für die ZEIT in der Reportage „Der gegen den Diktator boxte“ aufgeschrieben.

„Für die, die kämpfen…“ – diese Widmung hatte Oates ihrem Buch voran gestellt. Erschienen ist es in der englischen Originalfassung im Jahr 1987. Diese Worte passen ebenso gut in das Jahr 2017.

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Mahmoud Boshkewa mit einem seiner Schüler im Ittihad-Club©Andrea Böhm

 

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Ein gutes neues Jahr !

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

Thanks for hanging on in 2016 ! Das neue Jahr wird vermutlich nicht ruhiger und nicht friedlicher als das alte. Gerade deswegen: Alles Gute, viel Kraft und eine Zeile von Leonard Cohen, der jetzt irgendwo am anderen Ufer sitzt:

„There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.“

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Himmel über Tyre ©Andrea Böhm

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Fight like a Girl !

Welch eine schöne Meldung! In Zeiten, da ein Mann US-Präsident wird, der mit seiner Verachtung für Frauen prahlt und gegen Muslime hetzt, taucht ein Mädchen mit dem schönen Namen Tajamul Islam auf – and kicks some ass.
Tajamul ist acht oder neun Jahre alt (ganz einig sind sich die verschiedenen Medien da nicht), kommt aus der Region Kaschmir (die auch nicht eben friedlich ist) und hat vor wenigen Tagen in Italien in ihrer Altersklasse die Weltmeisterschaft im Kickboxen gewonnen.

Dass Mädchen Kampfsport betreiben, ist inzwischen (halbwegs) normal und bekannt. Das Karate, Tae Kwon Do, Boxen und Kickboxen unter jungen Muslima zunehmend populär ist, hat sich noch nicht so richtig herum gesprochen.
Ich hatte auf meinen Reisen das Vergnügen, einige von ihnen zu treffen und mit ihnen zu trainieren. Besonders beeindruckt war ich von Shabnan und Shala, die ich im September 2007 in Kabul kennen gelernt habe. Sie trainierten in jenem Sportstadion, in dem die Taliban einst während der Halbzeit der Fußballspiele Menschen exekutierten. Und sie trainierten trotz Drohungen, die Islamisten gegen Frauensport ausstießen.

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Shabnan und Shala 2007 in Kabul ©Andrea Böhm

Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Ich hoffe, sie sind gesund, leben in Sicherheit, haben die Schule abgeschlossen und nicht vergessen, wie man eine Faust ballt.

Die leidige Kopftuch-Debatte geistert ja weiterhin durch die westlichen Medien und verzerrt auf absurde Weise unser Bild von muslimischen Frauen. Wer immer noch der Meinung ist, unter jedem Hidschab stecke eine unterdrückte Muslima, dem empfehle ich eine Runde Sparring mit Shymaa Abouel Yazed. Sie ist Karate-Weltmeisterin aus Ägypten, verheiratet, Mutter einer Tochter, Kopftuchträgerin und leidenschaftliche Verfechterin der Idee, dass Frauen alles erreichen können, was sie wollen. Ihre Begeisterung für ihren Sport überträgt sie als Trainerin auf Dutzende von Nachwuchskämpferinnen, die auf meine Frage, was sie später einmal werden wollen, antworteten: „Weltmeisterin!“

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Shymaas Schülerinnen beim Training in Kairo ©Andrea Böhm

Die Recherche für mein Portrait über Shymaa war eine der bislang schönsten Erfahrungen während meiner Zeit als Korrespondentin im Nahen Osten und Nordafrika. Und meine erste Begegnung mit einer Weltmeisterin.

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Mit Shymaa Abouel Yazed in Kairo 2015

Ich habe im irakisch-kurdischen Erbil Tae Kwon Do-Kämpferinnen getroffen, die von einer kurdischen Nationalmannschaft träumen; ich habe in Beirut verfolgt, wie Mädchen der Judo-Kämpferin Carmen Chammas nacheifern, der ersten Judoka, die für den Libanon bei Olympischen Spielen angetreten ist.
Ihnen wird längst noch nicht dieselbe Aufmerksamkeit und Förderung zu Teil wie den Männern, aber sie räumen Geschlechterklischees beiseite. Jeder Kampfschrei ist ein weiterer Kratzer am Bild des passiven Mädchens, das andere über sein Leben und über seine „Ehre“ bestimmen lässt.

Man könnte das jetzt allein unter arabischer, indischer, muslimischer Frauenpower verbuchen. Aber alle, die ich hier genannt habe, haben außer Schlagkraft, Schnelligkeit und Durchhaltevermögen noch eines gemeinsam: Eltern, vor allem Väter, die sie unterstützen, bestärken, anfeuern. Die stolz sind auf ihre kämpfenden Töchter, obwohl die Nachbarn tuscheln und die Verwandten Schimpf und Schande wittern.
Tajamul Islams Vater ist ein LKW-Fahrer, der seine Tochter in den Kickboxing-Club schickte, weil sie erklärt hatte: „Das will ich machen.“
Shabnan und Shala’s Väter erlaubten ihnen das Boxen, obwohl sie und ihre Trainer von Islamisten bedroht wurden. Shymaas Vater passte wochenlang auf seine kleine Enkelin auf, während sie in der Sporthalle Liegestütze stemmte und stundenlanges Sparring absolvierte.
Nicht nur die Töchter sind Vorreiterinnen für die nächste Generation, ihre Väter sind es auch.
Ladies, keep kicking and punching! Fight like girls – and teach the others !

 

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Not so bad: wie sich Amerikaner auf Trump vorbereiten

„Not so bad news“ – diese Kategorie von Nachrichten ist wichtiger denn je. Nicht, damit man sich einreden kann, dass alles nicht so schlimm ist. Sondern, um das Wichtigste im Blick zu behalten: die Möglichkeiten, auf den globalen Rechtsruck zu reagieren. Und die Menschen, die das längst tun.
Schreien ist natürlich immer gut ….

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 Wandbild in der Lower East Side ©Andrea Böhm

… aber es gibt auch noch andere Optionen. Hier zwei Beispiele aus den USA:
Donald Trump will nicht nur  eine Mauer entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze bauen (inzwischen soll es in einigen Abschnitten „nur“ ein Zaun sein), sondern auch Millionen von illegalen Immigranten abschieben.
Die Bürgermeister mehrerer amerikanischer Großstädte – darunter New York, Chicago, Seattle, San Francisco und Los Angeles – haben nun erklärt, dass sie „sanctuary cities“, also „Städte der Zuflucht“ sind. Sie werden Anordnungen von Massenabschiebungen nicht befolgen und dabei auch nicht mit Bundesbehörden kooperieren.
Warum es „sanctuary cities“ schon lange gibt, warum Immigranten ohne Aufenthaltsstatus in vielen amerikanischen Städten ihre Kinder zur Schule schicken, Steuern zahlen, aber auch Sozialleistungen empfangen, und warum auch die meisten Polizeiverbände in den USA das für richtig halten, erklärt dieser Artikel in der „Washington Post“.

Was in den vergangenen Jahrzehnten nur zäh oder gar nicht voran gekommen ist, hat Trumps Wahlsieg in wenigen Tagen möglich gemacht: Eine große Allianz zwischen Juden und Muslimen.
Zwei der größten Verbände dieser Glaubensgemeinschaften, das „American Jewish Committee“ und die „Islamic Society of North America“, haben die Gründung des gemeinsamen „Muslim-Jewish Advisory Council“ bekannt gegeben. Seine Ziele: die Leistungen von Juden und Muslimen in der amerikanischen Gesellschaft hervorheben und in der Ära Trump eine gemeinsame Strategie gegen Islamophobie und Anti-Semitismus entwickeln.
Zu den Gründungsmitgliedern gehören Geschäftsleute, Kongressabgeordnete, Bürgerrechtler, Rabbiner, Imame. „Unsere Glaubensgemeinden haben viel gemeinsam“, erklärte der Ko-Vorsitzende des Rats, Stanley Bergman, „und sie sollten, wo immer möglich, Wege finden, zum Wohl des Landes zusammenzuarbeiten.“

Na endlich, möchte man sagen – und den „Muslim-Jewish-Advisory Council“ gleich den entsprechenden Gruppen in Europa zur Nachahmung empfehlen. Und die Nicht-Muslime und Nicht-Juden? Bitte spenden, unterstützen und kooperieren.

Not so bad news – davon gibt’s demnächst mehr an dieser Stelle.

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