Einmal zurück ins Grand Hotel d’Orient – eine kleine Geschichte des Tourismus in Beirut

Kleine Fluchten aus der Beiruter Hitze. Nicht ans Meer – das ist zu verdreckt. Sondern ins klimatisierte Sursock-Museum. Manchmal reicht es, sich beim Abendspaziergang mit einem langen Blick auf die Fassade  abzukühlen. Und bei aller gebotenen Distanz zu reichen Aristokraten-Familien seinem Erbauer Nicolas Sursock, Sprössling einer solchen, still dafür zu danken, dass er seine Villa der Stadt als Museum vermacht hat.

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©Andrea Böhm

Immer wieder muss man jedoch hineingehen – und sei es nur, um von innen einen Blick durch eines der Buntglasfenster nach draußen zu werfen.

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©Andrea Böhm

Und schon wähnt man sich als Reisende in die 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts versetzt, in der Hand einen Gin Tonic mit Eis, auf dem Marmor-Tisch des  Hotel-Balkons das Billet der Schiffspassage von Jaffa oder Marseille und Baedeker’s Führer für „Palästina und Syrien“.

„Visitez Beyrouth! Visit Beirut!“ heißt der Titel einer kleinen Ausstellung im Sursock, bestehend aus nichts weiter als alten Reiseführern und Postkarten. Was völlig reicht, um im Geiste durch die Lobby des „Grand Hotel d’Orient“ zu schlendern, im „Les Guides Bleus“ von 1932 angepriesen für seinen Meerblick, die 35 Zimmer und eine „fundierte Reputation“.
Man reiste damals mit dem Schiff an, ließ sich im Ruder-oder Motorboot von Deck abholen und zum Hotel bringen. Wenn nicht ins „Orient“, dann ins „Royale“, ins „Metropole“, ins  „Hotel d’Europe“, erbaut 1849, wo schon Gustave Flaubert übernachtet hatte. Oder ins Hotel „Deutscher Hof“, auf dessen Gästeliste Karl May stand.

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Die beste Reisezeit, heißt es in „Cook’s Traveller’s Handbook to Palestine, Syria & Iraq“ von 1934, seien die Monate März bis Ende Mai. „Eine Reise flussaufwärts auf dem Nil lässt sich bequem mit einem Besuch im Heiligen Land verbinden.“ Und mit einer komfortablen Verschnaufpause in Beirut bevor es mit dem Zug weiterging nach Istanbul, Damaskus oder Bagdad. Wobei die Leser des Baedeker’s ausdrücklich vor  türkischen Zensur-Behörden gewarnt wurden, deren „exzessiver Eifer“ sich manchmal auch auf Reiseführer erstrecke, weshalb diese in der Türkei am besten tief in der Jackentasche zu verstauen seien.

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Das mit dem Wetter stimmt immer noch, das mit der türkischen Zensur stimmt wieder. Aber heute unternimmt keiner mehr mal eben eine Vergnügungsreise vom Nil bis nach Syrien. Oder bis in den Irak wie jener Amerikaner oder Brite, der seiner Frau im April 1956 Grüße aus dem Libanon schickte. „Darling, bin heute kurz nach Mittag in Beirut angekommen. Übernachte im Normandy, was eine Erholung ist nach dem Ceyhan Palace in Ankara … Morgen weiter nach Bagdad. Mit Liebe und Hingabe, John“

Das „Normandy“ stand wie das „Orient“ und andere Hotels  für das gehobene Publikum auf der Avenue des Français, der Promenade am Meer, was die Beirutis in den 20er Jahren veranlasste, ihre Stadt mit Nizza zu vergleichen.
Hier sehe es überhaupt nicht aus wie der Orient, von dem er in Romanen gelesen habe, beschwerte sich denn auch ein gewisser Monsieur Joseph in einer Weihnachtskarte 1926 aus Beirut an eine von ihm verehrte namenlose „Madame“. „Die Häuser – alle europäisch.“ Damit hatte der Mann auf wenigen Zeilen die Essenz der Stadt erfasst. Beirut tut bis heute so, als sei es bei der Geburt vertauscht worden und gehöre eigentlich auf die andere Seite des Mittelmeeres.

Das „Normandy“ und den „Deutschen Hof“ gibt es nicht mehr. Das „Orient“ auch nicht. Es wurde 1967 abgerissen, um Platz für das Hilton und andere moderne Bettenburgen zu schaffen. Die meisten dieser Neubauten dienten im Bürgerkrieg als Stützpunkte für Milizen während der „Schlacht der Hotels“. Die Luxus-Suiten mit Meerblick in den oberen Etagen waren bei Scharfschützen sehr beliebt.

Die Trümmer sind hier längst beseitigt, die Ruinen durch neue Luxusbauten samt Yacht-Hafen ersetzt. Nur die zerschossene Ruine des Holiday Inn ragt noch wie ein störrischer, geschwärzter Zeigefinger in den Himmel. Es ist jetzt eine der Hauptattraktionen bei Stadtführungen.
Visitez Beyrouth! Visit Beirut! Besuchen Sie Beirut!

 

 

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Jeder Tag eine Schaufel Erde auf das eigene Leben – seit vier Jahren ist der ägyptische Journalist Shawkan in Haft

Es gibt Jahrestage, an denen man nur schreien möchte. Am 14. August wird der ägyptische Photo-Journalist Mahmud Abu Zaid, bekannt unter seinem Künstlernamen Shawkan, vier Jahre in Haft sitzen. In Untersuchungshaft wohlgemerkt. Shawkan war bereits mehrmals Thema dieses Blogs – immer in der Hoffnung, dass der nächste Eintrag von seiner Freilassung handeln würde.

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Ägyptens Behörden werfen dem inzwischen 30 jährigen „Vandalismus“, „Waffenbesitz“, „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ (nämlich der Muslimbrüder)  und „Mord“ vor – angeblich begangen am 14. August 2013. An diesem Tag  richteten Sicherheitskräfte am Kairoer Rabaa-Adawiya-Platz ein Massaker unter Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohamed Mursi an. Mindestens 1000 Menschen wurden erschossen. „Ägyptens Tiananmen“ nennt Human Rights Watch dieses Blutbad.

Shawkan war nachweislich im Auftrag einer Foto-Agentur vor Ort und wurde zusammen mit zwei ausländischen Reporters verhaftet. Die beiden Kollegen kamen wenig später  frei, Shawkan sitzt seither im  berüchtigten Tora-Gefängnis in Kairo. Seine Kamera samt Speicherkarten wurden konfisziert und sind verschwunden. Gericht und Staatsanwaltschaft machen sich nicht einmal die Mühe, gefälschte Beweise für ihre Vorwürfe zu präsentieren. Sie präsentieren gar nichts. Verhandlungstermine dienen allein dazu, Shawkans U-Haft zu verlängern. So auch an diesem 5. August 2017. Die Verhandlung wurde wieder vertagt.

Ich habe das kafkaeske Schauspiel der ägyptischen Justiz selbst einmal beobachtet: 2014 im Kairoer Prozess gegen drei Journalisten von Al Dschasira – den Australier Peter Greste, den Kanadier Mohamed Fahmy und den Ägypter Baher Mohammed. Die Anklage lautete auf „Verbreitung falscher Nachrichten zur Destabilisierung des Landes“ und „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“. Gemeint war die Muslim-Bruderschaft.
Als Beweismaterial legten die Ankläger Fernseh-Beiträge von Greste aus Ostafrika, Preis gekrönte Berichte von Fahmy über die Revolution in Libyen und Tierfilme vor. Man konnte das komisch finden, ich fand es auf eisige Weise beängstigend. Egal, ob die Gerichtsbehörden in ihrer Paranoia jeden Bezug zur Realität verloren hatten oder sich schlicht einen Dreck um sie scherten – die grenzenlose Absurdität des Verfahrens demonstrierte eine Allmacht, die jeden im Saal schockierte.

Greste wurde schließlich in eine bizarren Aktion nach Australien abgeschoben, aber trotzdem rechtskräftig verurteilt. Fahmy kam Monate später auf Vermittlung der kanadischen Botschaft aus dem Gefängnis, nachdem man ihm seine ägyptische Staatsbürgerschaft abgenommen hatte. Baher Mohammed ist mittlerweile ebenfalls frei und arbeitet in der Hauptredaktion von Al Dschasira in Doha.

Shawkan ist im Vergleich dazu ein kleiner Fisch. Aber einer, an dem die Justiz offenbar demonstrieren möchte, wie sie mit der Aufbruchstimmung unter Journalisten zu verfahren gedenkt, die sich in jenen Januartagen 2011 bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz gegen die Diktatur des Hosni Mubarak Bahn brach. Richter und Staatsanwälte wollen sie nicht eindämmen. Sie wollen sie zermalmen und begraben.

Genau so muss es sich anfühlen für Shawkan: Jeder Tag im Tora-Gefängnis ist eine Schaufel Erde auf das eigene Leben. Inzwischen sind es über 1400. Im schlimmsten Fall droht ihm die Todesstrafe, im besten Fall wird er irgendwann frei gesprochen und als kranker Mann entlassen. Er leidet an Hepatitis C, Anämie und Depressionen und erhält nur unzureichende medizinische Versorgung.  Dass er bei den Gerichtsterminen, die er aus einem Käfig verfolgen muss, trotzdem noch die Finger zum V-Zeichen erhebt, dass er seinem Bruder bei Besuchen Briefe an seine Unterstützer diktiert, dass er auch nach vier Jahren nicht gebrochen ist, erscheint wie ein Wunder. „Kämpft für die Fotografie. Wir sind jene, die Geschichte gemacht haben, nicht die Historiker, unsere Fotos haben den Moment festgehalten“, ließ er seinen Bruder unlängst aufschreiben. „Ich bitte euch alle: Hört nicht auf zu fotografieren – für mich.“

Was kann man außerdem tun? Dazu beitragen, dass Mahmud Abu Zaid, alias Shawkan, nicht vergessen wird. Unterstützer haben die Facebook-Seite „Freedom for Shawkan“ eingerichtet. Auf Twitter kann man aktuelle Entwicklungen unter dem Hashtag #freeshawkan verfolgen. Die Petition von Amnesty International kann man hier unterzeichnen.
All diese Aktionen dringen zu ihm durch. Sein Bruder berichtet ihm davon.
Für den 12. August ist der nächste Verhandlungstermin angesetzt. Zwei Tage später beginnt Shawkans fünftes Jahr in Untersuchungshaft.

Es sei denn, das nächste Wunder geschieht.

 

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Baalbek – ein Ausflug zu römischen Göttern, schiitischen Milizen und Jazz

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©Andrea Böhm

Es gibt Orte im Libanon, die man gesehen haben muss. Baalbek gehört dazu. 
Ich mag den Namen dieser Stadt, schon sein Klang verspricht eine Tür zur Vergangenheit, wenn einem die Gegenwart zu viel wird. 
Und Baalbek hält sein Versprechen – auch wenn die Gegenwart sich nie aussperren lässt.

Colonia Heliopolis hieß die Stadt, als die Römer hier eine der größten Tempel-Anlagen ihres Imperiums errichteten. Geblieben ist eine der schönsten Ruinen-Landschaften überhaupt – eine steinerne Collage der Epochen. Über die erheben sich sechs Säulen eines Jupiter-Tempels, dreißig Meter hoch. Einige Schritte weiter befindet sich ein in weiten Teilen erhaltener Bacchus-Tempel, eine Opferstätte und die Reste eines Venus-Tempels.
Auf die Römer folgten die Umayyaden, die auf dem Forum der Tempel-Anlage eine Moschee bauten. Die Byzantiner verwandelten den Venus-Tempel in eine Kirche. Mongolen, Seldschuken, Mamluken, Osmanen hinterließen Spuren. Eine Gedenktafel im Bacchus-Tempel von „Sultan Abd ul-Hamid II, Kaiser der Ottomanen Seinem erlauchten Freund Wilhelm II.“ erinnert an den Besuch des deutschen Kaisers im Jahr 1898.
Dann kam Ella, „the Queen of Jazz“. Und Miles, der „Gott der leisen Töne“.

Vor zwei Wochen habe ich es auch endlich geschafft. Ich blätterte 60 Dollar für eine Konzertkarte des jährlichen Musik-Festival hin, setzte mich mit drei Freunden in Beirut ins Auto und fuhr zu den Ruinen. Vor dem Bacchus-Tempel spielte Ibrahim Maalouf. Mitte der 50er Jahre – eine Zeitangabe, bei der ältere Libanesen melancholisch seufzen – hatte der damals noch halbwegs funktionierende Staat beschlossen, die antike Stätte als Theater-und Konzert-Bühne zu nutzen. Für so manchen Archäologen eine entsetzliche Vorstellung. Aber man muss die Säulen des Jupiter nur einmal bei Tageslicht gesehen haben …

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©Andrea Böhm

…um zu ahnen, welche Kulisse sie bei Nacht bieten. In den ersten Jahren des Festivals traten vor allem die großen arabischen Stars auf. Umm Kulthum, die Grand Dame der arabischen Musik, Ägyptens Antwort auf die Greco und die Callas. Fairouz, Libanons musikalische Ikone. Warda al-Jazairia, „die algerische Rose“. Künstlerinnen, die von Rabat bis Bagdad Säle füllten. Die meisten stiegen im damals mondänen Palmyra-Hotel gegenüber der Ruinen ab, wo die Kellner Champagner servierten, ausländische Botschaften zu Cocktail-Partys einluden und die Rezeptionisten jede Marotte der Diven berücksichtigen.

Der Name Baalbek sprach sich bald in London, Paris und und New York herum. Ella Fitzgerald trat 1971 als einer der ersten Weltstars vor dem Bacchus-Tempel auf. Zwei Jahre später spielte Miles Davis in den Ruinen, 1974 Charles Mingus. Ich habe die Konzertplakate in meinem Beiruter Wohnzimmer aufgehängt.  Auch das von Miriam Makeba – ein Bild, das zum Niederknien schön ist. Meine ganz persönliche Heiligen-Galerie.

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Nur hat die Makeba nie in Baalbek gesungen. Die Plakate für ihr Konzert am 16. Juli 1975 waren schon gedruckt, da begann am 13. April der Bürgerkrieg.
Im Palmyra bezog nun das Internationale Rote Kreuz Quartier. Die Organisatoren des Festivals verbarrikadierten sich in ihren Wohnungen und trafen sich in Feuerpausen, um sich gegenseitig zu vergewissern, dass sie noch am Leben waren. Um die Tempel-Ruinen machten Bomben, Granaten und Kugeln auf wundersame Weise einen Bogen. Meistens jedenfalls. Um den Rest des Landes nicht.  Nach 15 Jahren Krieg mit über 120.000 Toten war der Libanon zerstört. Nicht nur physisch. Bürgerkriege, in denen einem der Nachbar, mit dem man gestern noch Kaffee getrunken hat,  das Gewehr an den Kopf hält, hinterlassen tiefere seelische Wunden als Kriege zwischen Staaten. Die Spanier merken das noch heute. Die Bosnier wissen es. Die Algerier. Die Libanesen. Und jetzt auch die Syrer.

Natürlich geht es danach immer irgendwie weiter. Es wird zugeschüttet und neu aufgebaut, verdrängt und erinnert, es wird Frieden beschworen und aufgerüstet für das nächste Mal. Die Zeit heilt nicht, aber sie verdeckt die Narben. Bis etwas geschieht, das für einen Moment alles wieder offenlegt und den Wahnsinn der Zerstörung gewahr werden lässt. Ein Abschütteln der Betäubung. Meistens steckt die Kunst dahinter.
Das Baalbek-Festival eröffnete erstmals wieder im Juli 1997 mit Mstislav Rostropovich. Der russische Cellist hatte den Libanesen über 20 Jahre zuvor ein Konzert versprochen hatte, wenn der Krieg zu Ende sei. Ein Jahr später, 1998, trat Nina Simone auf. Baalbek was back!
Aber eben nicht wie früher.

Das Konzert von Ibrahim Maalouf ist ausverkauft. Als „virtuosen Künstler“ und „kühnen Komponisten“ hat ihn zuletzt das Montreux Jazz Festival vorgestellt. Für die Libanesen ist er der sprichwörtliche verlorene Sohn, der draußen in der Welt berühmt geworden ist. Maalouf ist ein Kind des Krieges, geboren 1980 in Beirut, als syrische Panzer durch das Land rollten, israelische Kampfflugzeuge PLO-Stellungen in Beirut bombardierten und die einheimischen warlords Massaker an Massaker reihten. Bei den Maaloufs spielten sie weiter Musik, die Mutter war Pianistin, der Vater Trompeter. Bis es nicht mehr ging. Die Familie floh nach Paris ins Exil. Ibrahim lernte Trompete –  als Kind das ganze klassische Repertoire, Improvisation und arabische maqams beim Papa, dann am Pariser Konservatorium. Jetzt ist der Mann gerade einmal 36, hat fast ein Dutzend Alben mit einer einmaligen Fusion von Jazz, Funk, arabischer Musik, Oriental Rock und Pop herausgebracht, hat mit Dave Douglas, Cheikh Lo, Sting, Amadou & Mariam gespielt.

An diesem Samstag ist er endlich in Baalbek. Wir trinken zur Einstimmung ein Bier im Garten des Palmyra-Hotels. In der Lobby hängen Fotos der prominenten Gäste vergangener Zeiten. Ella. Nina Simone. Charles de Gaulle. Jeanne Moreau. Libanons Präsident Camille Chamoun, der das Festival begründet hat und später den Bürgerkrieg mit anheizte. Daneben Zeichnungen von Jean Cocteau, der hier übernachtete.
Auf der Straße zwischen Tempel-Anlage und Hotel-Eingang sind gepanzerte Fahrzeuge der Armee aufgefahren, Soldaten und Polizisten stehen an jeder Ecke.
Nach Römern, Umayyaden, Byzantinern, Seldschuken, Osmanen und Franzosen hat jetzt die schiitische Hisbollah in Baalbek das Sagen – und damit auch ihre Schutzmacht Iran. Im Kurz-Krieg zwischen Israel und der Hisbollah 2006 hat Baalbek deswegen ziemlich gelitten. Kaum 200 Meter neben dem Eingang zum Bacchus-Tempel glänzt, mit iranischen Geldern restauriert, die goldene Kuppel des Schreins der Sayyida Khawla, Ur-Enkelin des Propheten Mohammed, Tochter des Imam Hussein, einer der wichtigsten Figuren der Schiiten. Ein teurer Kraftakt zur Verewigung von Religion und Macht. Schön und prächtig anzusehen. Aber im Schatten der bröckelnden Jupiter-Säulen wirkt all der Glanz doch vergeblich und vergänglich.

In Baalbeks Straßen hängen die Bilder von Hisbollah- Kämpfern, die auf Seiten des Assad-Regimes in Syrien gefallen sind – und die jetzt auf libanesischem Territorium sterben. Die Sicherheit von Großveranstaltungen wie dem Festival überlässt die Hisbollah der Armee, militärische Operationen übernimmt sie selbst. Seit einigen Tagen führt die Miliz eine Offensive gegen Trupps des „Islamischen Staates“ und Al-Kaida, die im Laufe des Krieges in Syrien über die Grenze in den Libanon eingesickert sind. Nicht weit von Baalbek. Am Nachmittag, während auf der Bühne vor dem Bacchus-Tempel letzte Soundchecks durchgeführt wurden, marschierte ein martialischer Trauerzug mit den Särgen getöteter Hisbollah-Kämpfer durch die Straßen.
Leben und Alltag auf engstem schizophrenen Raum. Eine besondere libanesische Fähigkeit. Ich beherrsche sie mittlerweile auch, nehme die Panzerfahrzeuge und Hisbollah-Fahnen kaum mehr wahr. Als die Scheinwerfer vor dem Bacchus-Tempel angehen, bin ich hypnotisiert von der Kulisse.

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©Andrea Böhm

Maalouf ist aufgeregt, man merkt es bis in die hinteren Reihen. Nicht nur, weil jeder Künstler vor einem Live-Konzert nervös ist, sondern weil er das ganze Land umarmen und gleich noch seine musikalische Biographie erzählen möchte. Es geht etwas hektisch zu auf der Bühne, hinter ihm steht seine Band, dahinter ein kleines Orchester, das für ein paar Nummern auf- und dann wieder abtritt. Ein Kinderchor bekommt fünf Minuten auf der Bühne, eine Gruppe libanesischer Hobby-Musiker, ein Geiger aus Baalbek und am Ende ein Ensemble von Dabke-Tänzern, deren Bewegungen die Scheinwerfer wie ein Schattentheater an die antiken Mauern projizieren. ‚Spiel doch einfach nur Trompete‘ denke ich mir zwischendurch.
„Kalthoum“ ist mein Lieblingsalbum von Maalouf, eine Widmung an Um Kulthum und alle Frauen, die die Welt verändert haben, bestehend aus Improvisationen auf ihren Klassiker „Alf Leila Wa Leila“, „Tausend und eine Nacht“. Nur Trompete, Tenor-Saxophon, Bass, Piano und Schlagzeug.
Zwischendurch tut er genau das: spielt Soli, lässt sich zurückfallen in den Sound seiner Band, taucht wieder auf. So entsteht der Zauber einer Nacht. Und hält an auf der Rückfahrt nach Beirut und über den nächsten Morgen …

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©Andrea Böhm

…bis zum folgenden Wochenende. Dann holt der ganz normale nahöstliche Wahnwitz auch das Festival wieder ein. „Trio Wanderer“, drei klassische Musiker aus Frankreich, sind für das Konzert am folgenden Wochenende angekündigt. Sie sagen kurzfristig ab. Die „Kampagne zum Boykott von Unterstützern Israels im Libanon“ hat sie aufgefordert, nicht auf die Bühne zu gehen, weil sie vor einem Jahr eine Vorstellung im israelischen Eilat gegeben haben. Damit habe das Trio „die Märtyrer des Libanon und Baalbeks beleidigt“. Offiziell wird die Absage mit „persönlichen Ursachen“ begründet. Der Pianist des Trios sei krank geworden.
Kein Wunder. Es ist ja auch zum Kotzen.

 

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In eigener Sache

Das Logbuch hat eine längere Frühlingspause hinter sich. Der Grund ist dieses Buch.

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Bücher schreibt man normalerweise, weil man neue, mehr oder weniger grandiose Thesen, Ideen oder Geschichten im Kopf hat. Dieses hier ist das Ergebnis eines kapitalen Schwindelanfalls. Ich, die als Journalistin diese Welt beschreiben und erklären soll, befinde mich auf zunehmend schwankendem Boden. Nicht, dass das eine einzigartige Erkenntnis wäre. Für die meisten Menschen in den Ländern Afrikas und Asiens gehört sie zum Alltag, zum Lebensgefühl. Für viele in Westeuropa ist die Erfahrung neu: Unsere Glaubenssätze vom anhaltenden Frieden und Wohlstand, von der Unverrückbarkeit der Grenzen und vom Westen als Motor des Weltgeschehens zerfallen. Mein altes, westlich geprägtes Koordinatensystem, meine mental maps taugen nicht mehr. Sie werfen mehr Fragen als Antworten auf.

Also bin ich erneut aufgebrochen im geographischen wie historischen Sinn. Ich habe Länder und Städte besucht, in denen westliche Nationen und Imperien tiefe und oft sehr  blutige Spuren hinterlassen haben. Ich habe versucht, die Sicht der Menschen dieser Länder auf die Geschichte aufzuschreiben und ihren Blick auf die Welt einzunehmen. So ist eine ganz eigene Route entstanden: vom schönen morbiden Venedig in die einst prächtige und heute prekäre Hafenstadt Mogadischu. Weiter nach China in das Kanton des 19. und das Guangzhou des 21. Jahrhunderts. Von dort ins Bagdad der Abbasiden und der Amerikaner, dann ans östliche Mittelmeer zu den Purpurhändlern der Antike und den Migranten der Gegenwart. Und schließlich in eine Neue Welt, die mitten in Europa liegt.

Für solche Reisen durch Zeit und Raum wählte ich einen imaginären Begleiter: Er heißt Fra Mauro, seines Zeichens Mönch vom Orden der Kamaldulenser,  der vielleicht genialste Kartograph des späten Mittelalters. Der erste, der seine mappa mundi, seine Weltkarte, mit unzähligen Fragen und dem Bekenntnis zum Zweifel versah. Nichts bleibt, keine Karte hat ewig Bestand, die Welt ist im Umbruch. Immer und überall.

Ab dem 2. Oktober ist „Das Ende der westlichen Weltordnung“ im Buchhandel erhältlich. Ich freue mich auf viele LeserInnen, auf Anregungen, Kritik und auf die Erkundungen der anderen.

Auf diesem Blog geht es nun wieder regelmäßiger weiter mit Eindrücken, Skizzen und Kommentaren aus Beirut, Bagdad, Tripoli, Dschidda oder Doha.

 

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Beirut im Hier und Jetzt

Frühlingsanfang in Beirut. Wie gemalt. Die Bäume blühen….

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Beirut Downtown ©Andrea Böhm

…und die Religionen scheinen sich in aller Harmonie den Himmel zu teilen.

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©Andrea Böhm

Das Symbol des dritten großen monotheistischen Glaubens fehlt. Was nicht daran liegt, dass es in Beirut keine Synagoge gäbe. Es gibt eine, die Maghen Abraham Synagoge, im Bürgerkrieg schwer beschädigt, inzwischen wieder restauriert. Allerdings hat sie keinen Turm, mit dem sie mit Moscheen und Kirchen konkurrieren könnte. Und sie hat derzeit auch keine Gläubigen.

Angeblich leben noch rund 200 Juden im Libanon. Sie halten es bis auf Weiteres nicht für ratsam, sich öffentlich zum Gebet zu versammeln. Oder mit Journalisten zu sprechen. Das ist eine längere Geschichte, die ich gerne aufschreiben würde. Vielleicht finde ich ja doch noch jemanden aus der Gemeinde, der erzählen will.

Bis dahin stelle ich mir einfach vor, dass die jüdischen Beirutis an einem Tag wie diesem, an dem die Sonne schon wärmt und die Luft noch kühlt, an der Corniche entlang spazieren. Genau wie die anderen aus der Stadt – Schiiten, Sunniten, Griechisch-Orthodoxe, Drusen, Katholiken, Armenisch-Orthodoxe, Chaldäer, Assyrische Christen, Ismaeliten und was immer sich sonst noch über die Jahrtausende von einander abgespalten hat. An der Corniche machen sie an diesen Frühlingstagen alle dasselbe:
Sie schauen auf’s Meer.

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Trump und die Muslime – oder: Der Wutbürger im Weißen Haus gegen die iranische Barbara Streisand

Die gute Nachricht immer zuerst: Mit einer einstweiligen Verfügung hat ein Bundesrichter im US-Staat Washington das Einreiseverbot von Präsident Donald Trump gegen Bürger aus sieben mehrheitlich muslimischen Staaten vorerst aufgehoben. Dass der Richter – James Robart ist sein Name – keineswegs zu den liberalen Juristen des Landes gehört, sondern von George W. Bush ernannt worden ist, sagt einiges aus über den politischen und juristischen Widerstand, den Trump mit seinem Erlass zum „Schutz der Nation vor der Einreise ausländischer Terroristen in die Vereinigten Staaten“ provoziert hat.

Eine endgültige juristische Niederlage ist dies nicht. Das Weiße Haus will Widerspruch einlegen. Vor zahlreichen anderen Gerichten sind ebenfalls Verfahren anhängig, deren Urteile unterschiedlich ausfallen können.

Welche Motive, welche Ideologien aus Trumps ersten Amtstagen herauszulesen sind, haben viele zu analysieren versucht. Einen, wie ich finde, besonders lesenswerten Essay  hat der konservative Publizist David Frum in „The Atlantic“ unter dem Titel „How to Build an Autocracy“ veröffentlicht.

Warum Trumps tiefe Verachtung für Staat, Grundrechte und Gemeinwohl eine große Geistesverwandtschaft mit den autoritären Kleptokraten des Nahen Ostens aufzeigt und warum sein Einreiseverbot auch die prominente iranische Sängerin und Regimegegnerin Googoosh, die „iranische Barbara Streisand“, getroffen hat, habe ich hier auf ZEIT Online aufgeschrieben.

Warum Kunst heute politischer denn je ist, sieht man an diesem Bild des Künstlers Shepard Fairey.

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Aus der Serie „We The People“ des amerikanischen Künstlers Shepard Fairey

Warum keineswegs alle Muslima in den USA mit diesem Bild einverstanden sind, kann man in diesem Kommentar der in Chicago lebenden Künstlerin und Autorin Hoda Katebi nachlesen.

Und warum man in diesen aberwitzigen Zeiten dringend Pausen einlegen muss, erklärt ganz wunderbar die Anwältin und Bürgerrechtlerin Mirah Curzer in ihrem Post „How to #StayOutraged Without Losing Your Mind“.

Wie man empört bleibt, ohne den Verstand zu verlieren.

 

 

 

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Von Hyänen und Wölfen

 

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Winter in Laqlouq ©Andrea Böhm

Man muss nur die Ortsmarke verdrängen und schon verzaubert einen diese Welt. Ein Januartag in den libanesischen Bergen. Hinter den Gipfelketten liegt Syrien. Wir, eine Gruppe von Leuten, die jeden Sonntag mit Schneeschuhen aufbrechen, reden nicht vom Krieg. Politik hat unter einem solchen Himmel nichts zu suchen. Das sind die kleinen Kopffluchten, die man in diesen Zeiten braucht.  Wir rätseln über Tierspuren im Schnee – Hund ? Oder doch ein Wolf ? Wölfe gibt es in den libanesischen Bergen, im Anti-Libanon sind sogar Schwarzbären gesichtet worden. Eine Hyäne habe ich selbst schon gesehen. Erschossen von Bauern, die Angst um ihr Vieh hatten.

Viel Platz lässt man der Wildnis nicht mehr. Der Libanon begräbt die Spuren seines Bürgerkriegs unter Schnellstraßen, Shopping Malls und Apartmentklötzen. Als müsste man die Natur bestrafen. Auch die Dörfer in den Bergen bleiben nicht verschont. Ski-Anlagen, Hotels, Müll-Deponien, Luxusanlagen für Investoren vom Golf, die Festungen gleichen. Wir stapfen am ummauerten Privatgelände auf einem Hügel vorbei. Ein Millionär aus Katar hat sich hier für jeden seiner Söhne eine Villa bauen lassen. „Die sind nicht oft hier“, sagen die Dörfler achselzuckend. „Vielleicht einmal im Jahr für ein paar Tage.“

In ein paar Wochen wird die Schneeschmelze einsetzen. Dann, ab April, ist der Lebanon Mountain Trail wieder passierbar, eine 470 Kilometer lange Gebirgsroute von Andqet im Norden bis nach Marjaayoun im Süden.
Es ist die libanesische Variante des Appalachian Trail in den USA. Um einiges kürzer natürlich, aber dafür mit viel mehr Symbolik beladen, weil er Dörfer und Gebiete verbindet, die noch vor knapp 30 Jahren miteinander im Krieg standen. Auf der Karte sieht die Wanderstrecke aus wie ein Rückgrat, das ein extrem fragiles Land zusammenhält.

Jedes Jahr im April machen sich die Freunde des Lebanon Mountain Trail auf, um ihn in 30 Etappen abzulaufen. Vom sunnitischen Norden, durch maronitische, drusische, katholische, armenische oder auch gemischte Dörfer bis in den schiitischen Süden.
2017 ist das nicht nur eine Wanderung, die die Einigkeit des Landes beschwören soll, sondern auch eine Demonstration zum Schutz der Berge vor Baggern und Betonmischern, vor der Privatisierung der Naturlandschaft.
Für ein paar Etappen werde ich mich vielleicht anschließen. Zu Fuß spürt man am besten, wie fest der Boden ist, auf dem man lebt. Und wie kostbar.

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