Momentaufnahmen aus dem Mittleren Osten (4)

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Vor den Eremiten-Höhlen im Wadi al-Bawali, Libanon ©Andrea Böhm

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Ägypten: Sisi, Sinai und das Warten auf den Frühling

Jeder von uns kennt das: Ein horrendes Ereignis macht Schlagzeilen, wir erschrecken für einen Moment, speichern das Gesehene oder Gelesene ab – und wenden uns den nächsten News zu.
Völlig normal. Anders können wir die Masse von Informationen kaum bewältigen. Aber es lohnt sich immer mal wieder, zum Ort der Schlagzeilen von gestern zurückzukehren. Oder von vor anderthalb Wochen. In diesem Fall nach Ägypten.
Vorvergangenen Freitag ermordeten mutmaßliche Attentäter des IS über 300 Menschen während des Gebets in einer Moschee in der Kleinstadt Bir al-Abed auf dem Nordsinai.
Das Motiv ? Die Moschee wurde auch von Anhängern des Sufismus besucht, einer mystischen Auslegung des Islam, die in den Augen des IS häretisch ist. Und: die Bewohner der Kleinstadt gehören einem Beduinen-Stamm an, der wiederholt mit der Armee kooperiert hat. Mein Versuch, die Hintergründe zu erklären, ist in dieser Aufgabe der ZEIT nachzulesen.

Ein interessantes und für ihn nicht ungefährliches Interview hat mir einige Tage später der ägyptische Bürgerrechtler Mohamed Lotfy gegeben. Lotfy ist Mitgründer und Direktor der „Egyptian Commission on Rights and Freedoms“, einer Menschenrechtsorganisation in Kairo, die immer wieder von Sicherheitskräften schikaniert wird.
In unserem Gespräch beschreibt Lotfy ein Land kurz vor dem Kipp-Punkt. Hatte die Mehrheit der Ägypter vor wenigen Jahren dem jetzigen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi wie einem Heilsbringer zugejubelt, herrschten jetzt
„… Depression und Zynismus. Nicht nur wegen des jüngsten Anschlags
im Sinai. Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden, die Inflation
ist hoch. Es gibt also weder wirtschaftliche Besserung noch Sicherheit – die
beiden Sachen, die Präsident Sisi bei seiner Wahl versprochen hatte.“

Die Opposition von den Muslimbrüdern bis zu säkularen Demokratie-Aktivisten sitzt im Gefängnis oder wagt sich kaum mehr an die Öffentlichkeit. Human Rights Watch hat vor kurzem die Zustände in ägyptischer Haft in einer graphic documentation dargestellt und erklärt, dass die Systematik der Folter den Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit erfüllen könnte.
Lotfy allerdings glaubt, dass es aus schierer Verzweiflung vor den Wahlen im Frühjahr 2018 wieder zu Protesten kommen könnte.

Wie viel Angst das Regime vor diesem Frühling hat, zeigt sich schon jetzt: ein möglicher Gegenkandidat von Abdel Fattah al-Sisi, ein Offizier namens Ahmed Konsowa, wurde bereits verhaftet. Konsowa hatte zuvor die desaströse Lage der Wirtschaft und des Bildungssektors kritisiert.
Ein sehr viel ernst zu nehmender Konkurrent, der ehemalige Premierminister Ahmed Shafiq, kehrte vor wenigen Tagen aus dem Exil zurück, war dann nach seiner Ankunft in Kairo plötzlich verschwunden und erklärte nun in einem Fernsehinterview, es gehe im gut. Das allein macht in diesen Zeiten  misstrauisch.

Am meisten muss Sisi wohl seine jungen Landsleute fürchten. Die offizielle Arbeitslosenrate für Ägypter zwischen 15 und 29 Jahren ist auf über 30 Prozent gestiegen. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Der Ökonom Adel Abdel Ghafar hat Ursachen und mögliche Konsequenzen schon 2016 in einem Bericht der Brookings Institution beschrieben.
Um Auflagen des Internationalen Währungsfonds zu erfüllen, muss das Regime zudem Subventionen streichen. In Kombination mit einer hohen Inflationsrate von 30 Prozent rutschen immer mehr Menschen in die Armut ab.
Dazu kommt eine drohende Wasserkrise, hervorgerufen durch Verschmutzung, Misswirtschaft, vor allem aber durch ein Staudammprojekt am Nil in Äthiopien. Man möchte also meinen, der Staat hätte anderes zu tun, als die Gefängnisse voll zu stopfen.

Hat er offenbar nicht. Im November verhafteten Polizisten mehrere Dutzend Händler im ganzen Land. Sie hatten „Klick-Klack-Kugeln“ verkauft, derzeit bei ägyptischen Kindern sehr beliebt. (Zwei Plastik-Kugeln, befestigt an einer Schnur, werden durch schnelle Handbewegungen aneinander geschlagen – für Unkundige hier ein Video).
Was ist daran kriminell? Die Kugeln tragen im Volksmund den Spitznamen „Sisi’s Eier“ . Und Respektlosigkeit gegenüber dem Präsidenten muss bestraft werden.

 

 

 

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Im Tal der Heiligen – eine Wanderung durch das Wadi Qadisha

Das „Tal der Heiligen“ verzeiht keinen Fehltritt. Wie dunkle Augen verteilen sich Höhlen in den überhängenden Felswänden im Wadi Qadisha. Ideale Rückzugsorte. Aber wer hier Zuflucht, Einsamkeit oder einfach nur Ruhe finden will, muss schwindelfrei und trittsicher sein.
„Qadisha“ ist das aramäische Wort für heilig. Vor über tausend Jahren schleppten Mönche Steine in die Höhlen, um in kleinen gemauerten Zellen Gott näher zu kommen oder sich vor Angreifern zu verstecken. Die ersten Klöster des Landes wurden hier in den Fels gehauen. Das Qannoubin-Kloster, der Legende nach im 4. Jahrhundert gegründet. Das Antonius-Kloster, ausgestattet mit Kapelle und eigener Mühle. Das Kloster Sayyidat Hawqa, zum Teil nur über Leitern zu erreichen.
Für Libanons Christen – genauer gesagt: für die Maroniten –  gibt es keinen heiligeren Landstrich.

Der Weg von Beirut ins Wadi Qadisha führt die Küstenstraße entlang nach Norden, dann nach Osten. Nichts ist heilig auf den ersten Kilometern. Linker Hand ziehen sich üner Kilometer Steinbrüche hin. Bagger und Raupen haben die Bergwälder abgeholzt, Felsen und Steine abgetragen für den Bauboom in den Städten. Eine Landschaft so kahl und wund, als hätte man der Erde die Haut abgezogen.

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©Andrea Böhm

Unser Bus windet sich auf 1400 Meter hoch bis Hadsheet. Dick gemauerte Häuser, enge Gassen, kleine Läden, deren Auslage aus den 70er Jahren stammen könnte. Ein paar tausend Einwohner, überwiegend Maroniten. In den Hauseingängen stehen Glasvitrinen mit Marien-Statuen und Ikonen maronitischer Heiliger. An Balkonen hängen Bilder des politischen Patriarchen: Samir Geagea, eine Galionsfigur der Christen im Land.

Der schönste Platz in Hadsheet ist den Toten vorbehalten. Der Friedhof liegt am Rand der Schlucht, die wir hinabsteigen wollen. In den Fels gehauene Treppen erleichtern die Arbeit der Sargträger, von den Gräbern aus hat man einen spektakulären Blick auf das Tal der Schlucht, auf Felsen und Wälder. Es ist November. Herbstfarben in aller Pracht:  Weizengelb, Kürbisorange, Karminrot, Moosgrün

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©Andrea Böhm

Wir steigen an den Toten vorbei steil ab in die Schlucht, angeführt von Georges, einem schlaksigen Mittvierziger mit Pferdeschwanz und Brille, Lehrer von Beruf, Bergführer, wann immer er Zeit hat. „Libantrek“ heißt seine Organisation, die solche Wanderungen durchführt. Seit rund 20 Jahren versucht sie, ihren Landsleuten die Natur näher zu bringen – und den Gedanken, dass man sie auch zu Fuß erkunden kann.

Hundert Meter tiefer hält Georges zur ersten Geschichtslektion an. Nicht weit von hier befinden sich „Gottes Zedern“, die letzten Exemplare jenes Baumes, der heute die libanesische Nationalfahne, immer seltener aber die Landschaft ziert. In der Antike war das Libanon-Gebirge bedeckt mit Zedernwäldern. „Als erstes kamen die Phönizier“, ruft Georges, der einen Felsvorsprung gefährlich nahe am Abgrund als Rednerpodest ausgesucht hat. „Die Phönizier kennt Ihr hoffentlich! Unsere Vorfahren!“ Nicht meine, aber mein antikes Lieblingsvolk. Händler und Seefahrer, die rund 3000 Jahre vor Christus von ihren Stadtstaaten an der Küste aus das gesamte Mittelmeer befuhren. Und Zedern abholzten für Schiffsbau und Export. Salomon soll den Tempel in Jerusalem aus libanesischem Zedernholz gebaut haben. Die Ägypter benutzten das Harz der Bäume zur Mumifizierung der Toten.
Mir imponieren die Phönizier wegen ihres Alphabets, aus dem sich später die aramäische, hebräische,  lateinische, griechische und arabische Schrift entwickeln sollte. Für eine, die wie ich vom Schreiben lebt, keine unerhebliche Erfindung.
„Dann kamen die Griechen, die Römer, die Byzantiner, dann die Araber, die Kreuzfahrer, die Osmanen, die Franzosen und schließlich die syrische Armee.“ Und jedes Mal fielen mehr Zedern als nach wuchsen.
Georges absolviert über 2000 Jahre Eroberungs-und Besatzungsgeschichte in unter fünfzehn Sekunden. Die syrische Armee zog 2005 ab. „Und seither sind wir total frei und unabhängig.“ Mit maliziösem Lächeln hüpft er vom Felsvorsprung zurück auf den Pfad. Jeder in der Gruppe weiß, dass der Libanon noch nie wirklich frei und unabhängig war. Derzeit behandeln Saudi Arabien und der Iran das Land in ihrem regionalen Machtkampf  wie einen Fußabstreifer. Aber wir sind im „Tal der Heiligen“. Politik bleibt außen vor. So weit möglich.

Wieder geht es sechzig, siebzig Meter tiefer. Ein Seitenpfad führt zu einer Felsenhöhle, in die eine Hütte hinein gemauert ist, vielleicht drei mal zwei Meter. Im Inneren eine winzige Kapelle, eingerichtet zu Ehren des heiligen Anton. Die Mauern sind neu, vom Originalbau aus dem 13. Jahrhundert steht nur noch ein kleiner Aufsatz, gefertigt aus ungebranntem Ton. Die maronitischen Mönche wagten damals nicht, Feuer in den Höhlen zu machen aus Angst, der Rauch könnte sie an ihre muslimischen Verfolger verraten.

Nicht, dass die frühen Christen des Libanon den Islam gebraucht hätten, um vor Angst in die Schluchten zu fliehen. Georges gibt den zweiten Crash-Kurs auf dieser Wanderung. Überschrift: „Christen gegen Christen“.
Ein frühes Schisma hat sich hier an der Levante abgespielt. „Die eine Seite meinte, Jesus habe einfach so ….“ – Georges schnalzt mit den Fingern – „… Gottes Willen verkörpert. Andere glaubten, Jesus habe zwei Naturen gehabt, eine göttliche und eine menschliche und …“ – jetzt schlägt er mit der Faust in die Handfläche – …“schon gingen sie sich gegenseitig an die Gurgel.“
Es geht weiter steil bergab, und ich muss auf jeden Schritt und das Knirschen in meinen Knien achten. Die ausführlichere Version von Georges‘ „Schisma for Dummies“ habe ich mir später angelesen: Die Maroniten gehen auf einen Mönch und Asketen namens Maroun zurück, der im 4. Jahrhundert in Syrien Anhänger um sich sammelte. Sie folgten schließlich der Doktrin, wonach Jesus keinen menschlichen, sondern nur einen göttlichen Willen besessen habe. Damit sparten sie sich zunächst die Dreifaltigkeit, handelten sich aber die innige Feindschaft anderer christlicher Gemeinden ein – bis sie sich schließlich doch der Kirche in Rom anschlossen. In den Libanon kamen die Maroniten als Flüchtlinge vor den Muslimen. Mit dem unnachahmlichen Gespür christlicher Kirchen für grandiose und strategisch günstige Immobilien fanden sie das Tal, das heute Wadi Qadisha heißt.

Dass man hier zu Gott, Göttin oder Göttern, zu sich selbst oder einfach nur verzaubernde Ruhe findet, wird mir mit jedem Schritt klarer. Die Liste der Wildtiere, die hier Zuflucht vor Besiedlung und Bauwahn gefunden haben, liest sich wie die Belegschaft einer Arche Noah: Stachelschweine, Wildkatzen, Wiesel, Hyänen, Wölfe. Verschiedene Arten von Adlern, weiße Pelikane, Schwarzstörche, Dutzende kleine Vogelarten, die ich nicht auseinander halten kann. Wir hören Mäuse, Hasen und Eichhörnchen im Gras. Ein Falke gibt sich die Ehre und fliegt eine Kurve über uns.

Am Boden der Schlucht entlang des Flusses ertönen vertraute Geräusche.  An der nördlichen Uferseite hat homo sapiens libanensis eine Schotterstraße gewalzt, damit die Fahrer von Geländewagen durchs „Tal der Heiligen“ rollen können. Georges zuckt resigniert mit den Achseln und murmelt etwas von der Allmacht lokaler Politiker, die sich einen Dreck um das UNESCO-Welterbe scheren. Zu dem gehört das Wadi Qadisha seit 1998. Ebenso die letzten „Zedern Gottes“.

Wir überqueren den Fluss, landen in einem Wald, das Geräusch der Motoren verhallt, und wir sehen aus der Käfer-Perspektive, was uns noch bevorsteht: der Aufstieg auf der anderen Seite der Schlucht nach Hasroun. Dessen Ausläufer ragen bis an den Felsrand. Opulente Häuser mit spektakulärer Aussicht, die sich reiche Familien während des Bürgerkriegs gebaut haben. Ein Erdrutsch – und es ist vorbei mit der Pracht. „Alles illegal“, sagt George, „aber damals hat das ja keiner kontrolliert.“ Nicht, dass die libanesische Bauaufsicht heute viel kontrollieren würde.
Wolken sind aufgezogen, dimmen das Sonnenlicht, was den Häusern 500 Meter über uns etwas Märchenhaftes verleiht.

Blick auf Hasroun 19112017

©Andrea Böhm

Der Blick nach oben spornt an, was die ersten Höhenmeter erleichtert. Eine knappe Stunde später an der nächsten Eremitenhöhle sind alle in der Gruppe still und in Schweiß gebadet.
Dieser Unterstand ist kleiner, hat die Maße einer Gefängniszelle. Das Dach fehlt. Er ist dem Erzengel Michael gewidmet. Auf einem kleinen Tisch mit Wachsdecke stehen Kerzen, eine Marien-Figur und zwei kleine Kopien des Gemäldes von Guido Reni, entstanden 1636. Der Erzengel mit einem Schulbubengesicht, in der Rechten das Schwert, unter seinem Fuß der Kopf des muskulösen Satan. Gut gegen Böse, schön klar, aber bald eingehüllt in die Nebelschwaden, die vom Tal herauf ziehen.

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©Andrea Böhm

Noch einmal zwanzig Minuten bergauf  – und wir stehen am Stadtrand von Hasroun, der anders als in Hadsheet  nicht aus Gräbern sondern aus Obstgärten besteht. Und wieder hängt sein Bild an Hauswänden: Samir Geagea. Ein paar Worte muss man doch über ihn verlieren.

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Samir Geagea und seine Frau Sethrida Touk-Geagea © Andrea Böhm

Jahrgang 1952, seine maronitische Familie stammt aus dem Wadi Qadisha. Studierte Medizin in Beirut. Schloss sich im Bürgerkrieg der Phalange an, einer christlichen Miliz, dessen Gründer Franco und Hitler bewunderte. Stieg schnell auf zum Mann für besondere Einsätze. War beteiligt an Massakern gegen konkurrierende christliche Klans und palästinensische Flüchtlinge. Führte 1990 noch einmal eine horrende Schlacht gegen eine andere christliche Fraktion, als der Bürgerkrieg eigentlich schon vorbei war. Saß als einziger Warlord für elf Jahre im Gefängnis, was weniger mit Gerechtigkeit zu tun hatte als dem Umstand, dass Geagea im Bürgerkrieg als Vasall Israels galt und als entschiedener Gegner der anderen Interventionsmacht: Syrien. 2005 kam er frei und agiert seither mit dem Mantel des Märtyrers in der libanesischen Politik.

Auch in Hasroun, wo wir auf den Bus für die Rückfahrt nach Beirut warten. Neben ihm abgebildet seine Frau, ihrerseits Tochter einer prominenten maronitischen Familie, die elf Jahre lang um seine Freilassung gekämpft hat. Jetzt sind sie das Power Couple im „Tal der Heiligen“.
Die Bewohner von Hasroun mustern uns mit unseren Rucksäcken, so wie Dörfler eben Fremde mustern. Dann ergibt sich Smalltalk, alte Frauen, gekleidet im christlichen Sonntagsschwarz wollen Tee reichen. „Gefällt es Ihnen hier?“ Wir nicken. „Wunderschön.“ Die Alten strahlen.
Rund 150 Meter tiefer kämpft weiterhin der Erzengel Michael gegen den Teufel. Nun wieder bei klarem Himmel, denn der Nebel hat sich verzogen. Gut gegen Böse. Und das Gute gewinnt natürlich.

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Reise in den Jemen – ein Tagebuch

Nicht zuletzt dank des Schutzes durch diese Herren….

Hadramaut, Jemen November 2

….konnte ich Anfang November mit mehreren Kollegen in den Jemen reisen. Das Tagebuch dieser Reise wurde nun hier auf ZEIT Online veröffentlicht.

Die Reportage aus der Print-Ausgabe der ZEIT (Nr. 46/2017) ist hier zu finden.

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Momentaufnahmen aus dem Mittleren Osten (3)

Unsere Leibwächter

Jemen, Hadramaut, November 2017 ©Andrea Böhm

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Momentaufnahmen aus dem Mittleren Osten (2)

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Skulptur in einer Galerie in Doha, Katar ©Andrea Böhm

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#WeAreMogadishu – oder doch nicht? Über Hautfarbe und globale Empörung

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Frauen in Mogadischu ©Andrea Böhm

Bei dem Namen Mogadischu denke ich nicht an Bombenanschläge. Sondern an Mahdi und Doktor Lul. Mahdi heißt eigentlich Muhamud Ali Diriye, verheiratet ist er mit Lul Mohamed Muhamud, einer Kinderärztin. Mahdi hat mir vor einigen Jahren Mogadischu, seine Stadt, gezeigt, Doktor Lul das Krankenhaus, in dem sie arbeitete. Das war Ende 2011, Mogadischu war voller Vertriebener und Rückkehrer.

Die einen waren vor Dürre, Krieg und Hunger in die somalische Hauptstadt geflohen, die anderen hofften auf einen Neubeginn. Truppen der Afrikanischen Union hatten gerade erst die islamistische Miliz Al Shabaab aus Mogadischu vertrieben, welche die Hauptstadt jahrelang kontrolliert hatte.
Die Nachricht allein reichte, damit sich Somalis aus der Diaspora auf den Weg nach Hause machten und einen kleinen Bauboom auslösten. Die Stadt war eine Mischung aus Flüchtlingslager, Immobilienblase und Terrorziel. Denn Al Shabaab rächte sich nun für seine militärische Niederlage mit Selbstmordanschlägen und Autobomben.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Wenn ich also von Bombenanschlägen in Mogadischu höre, schreibe ich Mahdi und Doktor Lul eine Mail und hoffe auf die Antwort, dass ihnen und ihrer Familie nichts passiert ist. Nach dem verheerenden Anschlag vom vorvergangenen Samstag, mutmaßlich ausgeführt von Al Shabaab, frage ich mich auch, warum das Brandenburger Tor nicht in den Farben der somalischen Nationalfahne angestrahlt wurde.

Klingt absurd?

Der Berliner Senat hat in den vergangenen Jahren mehrfach das Brandenburger Tor in den Farben der Nationalfahnen Frankreichs, Großbritanniens, Israels, Belgiens oder der Türkei beleuchten lassen. Anlass war jedes Mal ein islamistischer Terroranschlag, die Aktion des Senats eine Geste der Solidarität mit den Opfern, ihren Angehörigen und den betroffenen Staaten.
Berlin trauerte auf diese Weise um vier Israelis, getötet durch einen Attentäter Anfang Januar diesen Jahres in Jerusalem; um die über 30 Opfer eines Todesschützen in einem Istanbuler Nachtclub in der letzten Neujahrsnacht, um die 130 Todesopfer mehrerer IS-Attentäter im November 2015 in Paris, um die über 30 Todesopfer von Brüssel im März 2016 und die acht Opfer eines  IS-Anschlags von London im Juni diesen Jahres.

Nicht aber um die über 350 Toten vom 14. Oktober in Mogadischu. Es gab auch keine internationale Kampagne in den sozialen Medien, keine weltweit und massenhaft in Trauer geschwärzten Profilbilder auf Facebook. Der Hashtag #IAmMogadishu“  erhielt nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit im Vergleich zu #JeSuisCharlie nach dem Anschlag auf das französischer Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ im Januar 2015.

Man beschränke solche Gesten auf Partnerstädte, sagt der Senat zur Frage der Solidaritätsbeleuchtung des Brandenburger Tors. Was nicht stimmt. Nach dem Amoklauf eines Islamisten in einem Schwulenclub in Orlando, das keine Partnerstadt ist, erstrahlte das Tor in den Farben des Regenbogens, dem Symbol der LGBT-Bewegung.

Man könne nicht nach jedem Terror-Anschlag das Berliner Wahrzeichen zum Mahnmal umfunktionieren, sagen viele. Was stimmt. Und trotzdem verlogen ist.

Mir ist klar, dass Aufmerksamkeit eine begrenzte Ressource ist, dass die permanente Aufnahme von Katastrophenmeldungen irgendwann abstumpft und das Brandenburger Tor nicht nach jeder Menschenrechtsverletzung auf dieser Welt in Solidarität mit den Opfern erstrahlen kann.
Aber hier geht es um ein globales Narrativ vom „Krieg gegen den Terror“, das immer mehr zu einem hochgiftigen „us versus them“ verrührt wird: zu einem „wir“ (meist gleich bedeutend mit dem Westen, der judeo-christlichen Kultur) gegen „die anderen“ (wahlweise gleich bedeutend mit der arabischen Welt, dem Islam, den Muslimen).

Dass die große Mehrheit der Opfer des islamistischen Terrors arabische, afrikanische und asiatische Muslime sind und eben nicht nicht westliche, weiße Christen und Juden, passt nicht in dieses Narrativ. Wir blenden diese Tatsache aus. Denn sonst müssten wir uns mit der Geschichte dieser Gesellschaften und Länder auseinandersetzen; mit den Wechselwirkungen zwischen staatlicher Gewalt und Terrorismus; mit solch feinen Details wie dem Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten oder dem inner-islamischen Konflikt zwischen Fundamentalismus und Liberalität. Und mit unserer eigenen Lebenslüge vom Kampf für „westliche Werte“ im war on terror, in dem getötete Westler betrauernswert sind und getötete Somalis, Iraker oder Afghanen als Kollateralschaden abgehakt werden. Egal, ob sie durch den IS, Al Kaida, Al Shabaab oder durch amerikanische Drohnen sterben.

In Bagdad, Kabul oder Mogadischu erwartet ja niemand, dass die Welt nach jeder Autobombe eine globale Schweigeminute einlegt. Aber nur einmal eine internationale Geste der Solidarität von New York bis Berlin, eine globale Twitter-Kampagne oder eben ein Abend, an dem das Brandenburger Tor für Terror-Opfer in einem arabischen oder afrikanischen Land leuchtet – und die Werthierarchie von menschlichem Leben wäre, nein, nicht aufgehoben, aber zumindest für einen Moment in Frage gestellt.

Mahdi hat sich übrigens gestern per Mail gemeldet. Ihm, Doktor Lul und ihren Kindern ist nichts passiert, aber „Verwandte und Freunde von uns wurden getötet oder verwundet.“ Der Hass auf die Terroristen, schreibt er, sei nun größer als die Angst vor deren Bomben. Abertausende Somalis demonstrieren seither in den Straßen von Mogadischu gegen Al Shabaab und die Unfähigkeit ihrer eigenen Regierung, die eigene Bevölkerung zu schützen. Die BBC hat es gefilmt. Immerhin.

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