Ein Sonntag im Park…

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Kinder entdecken die Flora im Horsh @Andrea Böhm

…mit Picknick, Fußball, Live-Musik und Kindern auf und in den Bäumen ist in Beirut eine Sensation. Weil es schlicht kaum Parks gibt. Und wenn doch, wird streng darauf geachtet, dass möglichst wenige Leute oder nur ganz bestimmte Leute ihn betreten.

Das war lange Zeit das Schicksal des Horsh Beirut, der größten Grünfläche der Stadt. Im Bürgerkrieg komplett zerstört und abgeholzt, mit französischer Hilfe vor zehn Jahren aufgeforstet, blieb der Park für die Öffentlichkeit  – geschlossen. Nicht ganz, aber weitgehend. Offensichtlich westliche, blonde AusländerInnen wie ich durften rein, offensichtlich Wohlhabende, die mit der Rolex und dem Galaxy Samsung Smartphone joggen, auch.
Die Begründung der Stadtverwaltung: Menschen – gemeint sind solche der unteren Einkommensschichten – machen Dreck, und Dreck macht den Park hässlich.

Für politisch Verantwortliche, die ihren Bürgern seit Jahren den Müll vor die Füße, in die Flüsse oder ins Meer kippen, ist das ein gewagtes Argument. Es hielt dann auch nicht mehr stand. Nachdem über 20 libanesische NGOs immer wieder den Park belagert, Flash-Mob-Picknicks (mit blonden Perücken) organisiert und sonst wie demonstriert hatten, wurde der Horsh nun wenigstens für einen Tag in der Woche geöffnet. Und zwar Samstags von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Man stelle sich vor, die Berliner Stadtverwaltung würde sich das mit dem Tiergarten erlauben.

Es geht hier, wohl gemerkt, nicht nur um ein bisschen Grün in einer verbauten und verdreckten Stadt. Es geht um öffentliche Räume, die alle Bewohner nutzen können. Und wo sich Angehörige aller Konfessionen aus ihren segregierten Wohnvierteln herausbewegen und in einem Park ganz einfach mal nur Beirutis sein können. Genau das ist der wahre Grund, warum die Stadtverwaltung den Horsh behandelt wie einen privaten Club. Der Park liegt zwischen dem überwiegend sunnitischen Viertel Tariq al Jadideh und der schiitischen südlichen Vorstadt. Man fürchtet Zoff. Nur: wenn die Bürger nirgendwo mehr zusammen kommen können, wo sollen sie dann lernen, mit einander zivil umzugehen?

Was passiert, wenn sich Angehörige all dieser Gruppen begegnen, konnte man am vergangenen Wochenende sehen. Da gab’s ein Festival, organisiert unter anderem vom Beiruter Büro der Heinrich-Böll-Stiftung. Kindertheater, Trommel-Workshops, Zirkus, Live-Musik und Einführung in die Kunst eine Straußen-Farm zu führen. Wusste gar nicht, dass es das im Libanon gibt.
All das bei freiem Eintritt. In Berlin oder Hamburg völlig normal, hier ein Wagnis. Denn da konnte ja jeder kommen. Auch die syrischen Flüchtlinge aus den Notunterkünften und die Palästinenser aus den Camps, unter anderem aus Schatila nahe des Parks. Die kamen auch. Die Syrer brachten Essen mit, die Palästinenser ihr Dudelsack-Orchester. Ja, richtig gehört: Die spielen Dudelsack …

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Musikerinnen von Beit Atfal Assumoud @Andrea Böhm

….und zwar gut! Ich hoffe, sie trauen sich auch am nächsten Samstag her, wenn kein Festival mehr stattfindet.

Was bleibt? Der Kampf um die Öffnung des Horsh am Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Sonntag. Außerdem die Rückeroberung öffentlicher Strände in Beirut. Auch nur einen Quadratmeter öffentlichen Raum zu verteidigen, kostet unendlich viel Mühe in dieser Stadt. Aber sie lohnt sich dann doch.

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Syrien: Waffenruhe und weiter hungern

Hier meine Einschätzung zur „Waffenruhe“ in Syrien, erschienen auf ZEIT-Online kurz vor deren Inkrafttreten.

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Zur Aktualisierung sei noch gesagt, dass Baschar al-Assad am Montag ankündigte, er werde „jedes Gebiet unter Kontrolle von Terroristen zurückerobern“, womit er bekanntlich die gesamte Opposition meint. Die Aufhebung der Belagerungsringe ist nicht Teil der Abmachung, die zwischen den USA und Russland am vergangenen Samstag in Genf getroffen wurde. Zu Pessimismus besteht also jede Menge Anlass – und wie immer wünscht man sich nichts mehr, als durch ein Wunder eines Besseren belehrt zu werden.

Zu weiteren Lektüre empfohlen: Eine gute Zusammenfassung der BBC über die aktuellen Entwicklungen mitsamt eine Chronologie vergangener Abmachungen über Waffenruhen und Abrüstung.

Lesenswert ist auch das Interview, das die Syrien-Expertin Kristin Helberg dem Deutschlandfunk gegeben hat.

Wer mehr über den Aufstieg der Al Kaida-nahen Al-Nusra-Front in Syrien erfahren will, findet gute Hintergrundinformationen in den Beiträgen von Charles Lister vom Washingtoner Middle East Institute.

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Back in Beirut…

Retrieving Beirut

…wo die Müllkrise weiter schwelt, immer noch kein Präsident amtiert (der Libanon hat seit über zwei Jahren kein Staatsoberhaupt) und weiterhin regel-und unregelmäßig der Strom ausfällt.

Aber der Himmel macht alles wieder wett.

rue Goroud

 

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Die Augenzeugen von Aleppo

Nach der Sommerpause und dem Versuch, von meinem Berichtsgebiet etwas Abstand zu nehmen (was nicht wirklich gelungen ist), hier die Stimme eines Arztes über die Lage in Aleppo. Samer Attar ist ein syrischer Chirurg, der inzwischen in den USA lebt und arbeitet, sich aber unter Lebensgefahr immer wieder in den oppositionellen Teil der Stadt schmuggeln lässt, um dort Kriegsopfer zu operieren. Warum er das tut, hat er vor einigen Tagen für die New York Times aufgeschrieben.
Die Aussichten, von außen – also von der viel beschworenen internationalen Gemeinschaft – Hilfe zu bekommen, sind in Aleppo wie auch in ganz Syrien inzwischen gleich Null. Aber das Mindeste ist, denen zuzuhören, die mit eigenen Augen gesehen haben, was dort passiert.

CHICAGO — The hospital where I work in Aleppo, Syria, is in a basement. The building above has been bombarded so many times that the top floors are too dangerous to use. Barrels and sandbags line the entrance to fortify it as a bunker. ….

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Zum Abschuss freigegeben – die Lage in Aleppo

Hier mein Artikel in der aktuellen ZEIT zur Lage – genauer gesagt: zur Katastrophe – in Aleppo:

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Und hier einige andere Texte zur  Lage in Syrien, auch wenn es immer schwieriger wird, dafür noch Worte zu finden. Mein Kollege Carsten Luther von ZEIT Online beschreibt die Parallelen zwischen Russlands Kriegsführung in Syrien und in Tschetschenien.

Der Syrien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Khaled Oweis, hat eine sehr detaillierte und lesenswerte Analyse der lokalen Machtverhältnisse in Syrien veröffentlicht.

Und der amerikanische Reporter Ben Taub hat im New Yorker eine ergreifende Reportage über die Ärzte von Aleppo veröffentlicht – und über die ausländischen Kollegen, die ihnen zu helfen versuchen: „The Shadow Doctors“.

 

 

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Everyday Middle East

Nur zur Erinnerung: jede Welt, auch die der Katastrophenmeldungen, hat ihren Alltag. Und der ist oft voller Wunder. Manchmal atemberaubend schön und verblüffend wie diese Installation des amerikanischen Künstlers Richard Serra in der Wüste von Katar.

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©Andrea Böhm

Oder radikal und kreativ  wie dieses Wandbild in Kairo gegen Polizeigewalt.

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©Andrea Böhm

Oder versteckt zwischen Himmel und Wäsche wie diese Gasse in der Medina von Tanger, die an den Gelehrten Ibn Battuta erinnert, der im 14. Jahrhundert die islamische Welt bereiste – von Marokko bis nach Mali und Indien.

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©Andrea Böhm

Oder einfach nur zum Innehalten schön wie diese Fischer auf dem Euphrat im Südirak.

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©Andrea Böhm

Unzählige solcher Momentaufnahmen aus dem Nahen Osten findet man auf der Facebook-Seite „Everyday Middle East“.
Einfach öffnen und staunen, wie viel mehr Wirklichkeit es gibt, als wir Journalisten einfangen.

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Die Flüchtlinge im Niemandsland

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Leben ohne Fundament – Domiz, ein Lager für syrische                                                     Flüchtlinge im Nordirak  ©Andrea Böhm

Ein Flüchtling verliert seine Heimat, oftmals auch seine Familie und seinen Besitz. Nicht aber sein universal verbürgtes Recht auf körperliche Unversehrtheit, Würde und Schutz. So steht es zumindest in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in den Genfer Flüchtlingskonventionen und zahlreichen anderen Gesetzestexten. Sie alle sind eine Lehre aus dem Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Holocaust, Weltkriegen, Terror.

Zwischen Anspruch und Realität klaffte immer eine Lücke. Doch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde dieser Schutz beständig ausgeweitet.
Mit dem Krieg und der Flüchtlingskatastrophe in Syrien hat der entgegengesetzte Trend eingesetzt. Was passiert, wenn Nationalstaaten – allen voran die europäischen – Abwehrringe ziehen und Verteilungsquoten sabotieren, wenn Aufnahmeländer – allen voran Jordanien, Libanon und die Türkei – es ihnen mit sehr viel brutaleren Methoden gleich tun, und wenn Flüchtlinge schließlich als Rechtlose im Niemandsland enden, habe ich unter dem Titel „Gefangen in der Pufferzone“ auf ZEIT Online aufgeschrieben.

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