Finale in Johannesburg – eine gar nicht unpolitische Betrachtung des Africa Cup of Nations

Nach längerer Sendepause (ein schnöder Grippevirus war schuld) ist das Logbuch zurück. Aus gegebenem Anlass steht heute keine aktuelle Krise im Vordergrund (jedenfalls nicht sofort), sondern der Fußball. An diesem Wochenende sitzt Afrika vor dem Fernseher, denn am heutigen Sonnabend wird das “kleine” und am morgigen Sonntag das große Finale im  Africa Cup of Nations ausgetragen. Spielorte sind Port Elizabeth und Johannesburg.
Deren BewohnerInnen tragen allerdings Trauer, seit Gastgeber Südafrika vorzeitig ausgeschieden ist. Es ist wieder einmal nichts geworden mit dem großen Triumph für Bafana Bafana, obwohl sich die Südafrikaner gegenüber 2012 spielerisch in deutlich besserer Verfassung zeigten.

Eigentlich hätte das Turnier 2013 im Norden des Kontinents stattfinden sollen – und damit sind wir doch wieder mitten in der Politik. Libyen war ursprünglich als Austragungsort vorgesehen. Muammar Gaddafi hatte wohl schon einige große Auftritte in den Stadien geplant. Dann kam die Revolution dazwischen, Gaddafi wurde ermordet, und im neuen Libyen ist man derzeit vollauf damit beschäftigt, Milizen unter Kontrolle zu bringen und sich Al Kaida vom Leib zu halten. Ein schlechter Zeitpunkt für ein internationales Sport-Turnier. Also tauschte man mit Südafrika die Austragungsjahre. Nicht, dass Südafrika davon besonders viel hatte. Abgesehen von der Viertelfinal-Niederlage der Mannschaft, blieben die Ränge in vielen Gruppenspielen halbleer. Viele Fußballfans können sich die Tickets einfach nicht leisten.
Und Libyen? Dort soll der Nations Cup nun im Jahr 2017 stattfinden. Insha’Allah.

Ich verfolge die Afrika-Meisterschaften jetzt schon seit ein paar Jahren. Dieses Mal bot Gruppe B ein kleines Drama für mich. Meine beiden Lieblingsteams mussten gegeneinander antreten: Die Demokratische Republik Kongo und Mali. Man hängt halt an den Ländern, deren politische Tragödien man mit eigenen Augen verfolgen konnte.

Es fing für beide gut an. Die kongolesischen Leopards schafften in ihrem ersten Spiel gegen die hoch favorisierten Black Stars aus Ghana nach einem 0:2 Rückstand noch ein Unentschieden. Dass afrikanische Teams hinreißende Jubel-Choreographien aufführen, ist bekannt. Aber man muss einmal Kongos Keeper Robert Kidiaba gesehen haben, wie er nach einem Tor der Leoparden auf dem Hintern durch den eigenen Strafraum hüpft – und man kann nicht anders, als diese Mannschaft ins Herz zu schließen. (Mal abgesehen davon, dass das kongolesische Volk ein wenig Jubel gut gebrauchen kann). Bumshuffle heißt Kidiabas kleiner Tanz. Frei übersetzt: Pobacken-Rumba.

Leider fand das kongolesische Wunder sein Ende im dritten Gruppenspiel gegen Mali. Dessen Bevölkerung feierte daheim erst die französische Intervention gegen die Islamisten und dann den Auftaktsieg des eigenen Teams – Spitzname: Les Aigles, die Adler. Das magere 1:0 gegen Niger war nicht eben eine Offenbarung, gegen Ghana setzte es dann auch gleich eine 0:1 Niederlage. Im entscheidenden Match um den zweiten Platz in Gruppe B gegen den Kongo reichte ein 1:1 Unentschieden, und vorbei war’s mit dem Pobacken-Rumba. Die Leoparden fuhren nach Hause, Mali eliminierte im Viertelfinale Gastgeber Südafrika nach Elfmeterschießen.

Am Ende ist das Turnier eine rein westafrikanische Angelegenheit geworden. Mali kassierte im Halbfinale eine 1:4 Niederlage gegen Nigeria, das nicht nur sportlich, sondern auch politisch und militärisch ein regionales Powerhouse ist (und inzwischen erste Truppen zur Unterstützung im Kampf gegen Islamisten nach Mali entsandt hat)
Also müssen die Adler sich heute mit dem Spiel um den dritten Platz gegen Ghana begnügen. Immerhin können, sofern es Strom gibt, endlich auch ihre Landsleute in Timbuktu und Gao wieder Fußball im Fernsehen verfolgen.

Bleibt noch das Finale am Sonntag: Nigeria gegen den malischen Nachbarn Burkina Faso. Letzterer ist der absolute Underdog. Konnte sich 2006 und 2008 nicht einmal qualifizieren, flog 2010 und 2012 in der ersten Runde raus – und hat nun eine kleine Sensation geschafft. Wie immer das Finale ausgeht, die Malier werden es mit gemischten Gefühlen verfolgen. Den Burkinaben gönnen sie vielleicht den Erfolg, nicht aber ihrem Präsidenten Blaise Compaoré, Putschist und einstiger Kompagnon des liberianischen Kriegsherren Charles Taylor. Ein westafrikanischer Strippenzieher ersten Ranges, der sich zur Empörung der meisten Malier als Vermittler im Konflikt ihres Landes aufspielt. So gesehen, drücken sie am Sonntag vielleicht doch lieber den Nigerianern die Daumen.

Und die Kongolesen? Die setzen jetzt wieder ganz auf ihre Club-Teams. Vor allem auf TP Mazembe Lubumbashi, das 2010 sogar das Finale der FIFA Club-Weltmeisterschaft bestreiten konnte (und leider 0:3 gegen Inter Mailand verlor). Bei TP Mazembe steht übrigens Robert Kidabia im Tor.

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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