Kongo-Tagebuch: Ein Besuch bei Radio Maendeleo

Bukavu, am Sonntag Nachmittag, 25.November. Die Gebete und Predigten in den Kirchen waren inbrünstiger als sonst. Herr, lass die Rebellen nicht nach Bukavu kommen, lass endlich wieder Ruhe einkehren.
Nach dem letzten Amen haben die gottesfürchtigen Bürger von Bukavu wahrscheinlich noch ein paar stille Verwünschungen nachgeschoben. Gegen Joseph Kabila, den apathischen Präsidenten des Landes, gegen die geprügelte Armee, die ihre Wut an Zivilisten auslässt. Und natürlich gegen die von Ruanda unterstützten Rebellen im besonderen und die Tutsi im allgemeinen. Auch und gerade die im Ost-Kongo, die sie hier Banyamulenge nennen. „Die Wut ist gewachsen“, sagt Thais Bagula. „Und das kann sich irgendwann entladen.“ Er muss es wissen, Bagula ist Programmchef von Radio Maendeleo in Bukavu, der ältesten lokalen Station mit einer Reichweite bis ins tiefste Hinterland, mit Dutzenden von Bürgerreportern und Hörerclubs.

Dabei sind die Nachrichten an diesem Sonntag gar nicht so schlecht, jedenfalls seit langem nicht noch schlechter als die vom Vortag. In der ugandischen Hauptstadt Kampala haben sich die Staatschefs der Region zum Kongo-Krisengipfel getroffen. Einzig Ruandas Präsident Paul Kagame ließ sich durch seine Außenministerin vertreten. Es folgte die kollektive Aufforderung an die Rebellen von M23, Goma zu räumen und die ebenso dringliche Forderung an Kongos Präsidenten Joseph Kabila, sich endlich mit M23 an einen Tisch zu setzen. Was dieser am Sonntag in Kampala offenbar auch getan hat. Bislang ohne konkretes Ergebnis.

Zwischendurch macht dann sogar die Meldung, M23 würde bereits aus Goma abziehen. Ein kurzer Anruf bei einem amerikanischen Kollegen vor Ort. „Nicht wirklich. Die Jungs sind alle noch da.“ Ein kurzer Anruf bei Radio Maendeleo, das auch Korrespondenten in Goma hat: „Abzug der M23? Kann unser Kollege nicht bestätigen“, simmst Bagula.

Maendeleo heisst „Fortschritt“ oder „Entwicklung“ auf Swahili. Gegründet wurde es 1993 von einem Zusammenschluss kongolesischer Bürgerinitiativen. Heute arbeiten hier 30 feste Mitarbeiter, geführt von einer einer Frau, Direktorin Jolly Kamuntu (kleines Detail, das in Anbetracht der deutschen Quotendebatte in den Medien vielleicht ganz interessant ist).
Maendeleo sendet rund um die Uhr und berichtet derzeit natürlich regelmäßig über den Stand der Rebellion und über die Aktivitäten anderer Milizen. „Das kann Ärger bringen“, sagt Baluga in seinem viel zu kleinen Büro, wo die Regale eine bedrohliche Schieflage aufweisen, der rote Straßenstaub unter den Füßen knirscht, und ständig eines von vier Handys dudelt. Radio Maendeleo spricht mit allen, auch mit bewaffneten Gruppen, was die Armeeführung wiederum für „unpatriotisch“ hält. Da komme schon mal ein Anruf der Streitkräfte mit der unmissverständlichen Aufforderung, ein Interview mit einem Milizenführer nicht zu senden. Was sich Bagula dann in aller Höflichkeit verbittet und stattdessen anbietet, auch den Armeesprecher zu interviewen. Was wiederum oft nicht sehr ergiebig sei, sagt er, denn die Informationen der Aufständischen seien meist akkurater.

Radio Maendeleo – das ist, abgesehen von Frontberichterstattung, eine Mischung aus Staatsbürgerkunde mit wöchentlichen Sendungen über Steuern, Polizei, Armee und Grundrechte, Programmen für die verschiedenen ethnischen Gruppen, einer Plattform für lokale NGOs, lokale Musik-und Theatergruppen, Sport(ja, auch während einer Rebellion wird Fußball gespielt) und täglichem Wirtschaftsbarometer. Bukavu ist bislang von Kugeln und Granaten verschont geblieben, aber die Stadt spürt die wirtschaftlichen Folgen dieser neuen Kriegsrunde. Der Warenverkehr über den Kivu-See ist bis auf weiteres eingestellt. In Bukavu werden Kartoffeln, Maismehl und Bohnen aus Nord-Kivu knapp und teurer. In Goma stockt die Versorgung mit Produkten aus Süd-Kivu: zum Beispiel Bausand, frittiertem Fisch und Bier. Denn die große Brauerei der Region steht in Bukavu.

Außerdem steigt der Benzin-Preis. Die Versorgung mit Treibstoff erfolgt zu großen Teilen mit Tank-Lastern aus Tansania und Kenia. Und deren Besitzer haben momentan wenig Lust, sich der ruandisch-kongolesischen Grenze zu nähern. Benzin aber braucht Radio Maendeleo nicht nur für die Motorräder seiner Reporter, sondern vor allem für die Generatoren, die den Betrieb am Laufen halten, wenn der Strom wieder ausgefallen ist. „200 Liter pro Sendetag, der Liter für fast zwei Dollar“, sagt Jolly Kamuntu und macht ein Gesicht, als wollte sie sagen: ‘Ihre Probleme in Deutschland möchte ich haben.’

Irgendwelche Pläne für eine Evakuation, falls M23 in Bukavu einmarschiert?
„Nichts da. Wir bleiben. Wenn wir plötzlich nicht mehr senden, bricht hier die totale Panik aus.“

Nun sieht es zumindest an diesem Sonntag nicht so aus, als würde M23 bis Bukavu vorrücken. Nur wird das nichts ändern an den wachsenden Ressentiments gegen kongolesische Tutsi. Als am vergangenen Mittwoch in Bukavu die Studenten aus Wut über die Niederlage ihrer Armee in Goma Barrikaden bauten und Autoreifen anzündeten, da blieben die Banyamulenge der Stadt tunlichst zu Hause – und wohl auch alle, die mit einer Körpergröße von über 1,80 Meter und einem schmaleren Gesicht für einen Tutsi gehalten werden könnten.

Die Ressentiments zwischen kongolesischen Tutsi und anderen Bevölkerungsgruppen gehen auf die Zeit Mobutus zurück, einem Meister der Ethnisierung von Konflikten, wenn es um den eigenen Machterhalt ging. Sie eskalierten, als ruandische Hutu-Milizen nach dem Völkermord in Ruanda in den Ost-Kongo flohen und dort auch Jagd auf kongolesische Tutsi machten. Sie eskalierten weiter, als Ruanda, nunmehr unter Kontrolle der Tutsi, in den beiden Kongo-Kriegen weite Teile des Landes besetzten und dabei selbst schwerste Menschenrechtsverletzungen begingen.

Radio Maendeleo allerdings ist Teil eines spannenden Experiments, genannt “Radios Grands Lacs”, einer Kooperation mit einem ruandischen und einer burundischen Sender – maßgeblich mitgetragen von der Schweizer Regierung und der deutschen Friedensorganisation EIRENE.
Das Projekt geht auch während dieser jüngsten Rebellion im Ost-Kongo weiter. Drei kleine Gruppen von Journalisten aus drei durch Nachbarschaft und Kriege verketteten Ländern versuchen sehr, sehr vorsichtig, eine gemeinsame Sprache zu finden für das, was passiert ist und das, was passieren sollte. Und zwar “ganz vorsichtig und langsam”, sagt Bagula.

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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