Kongo-Tagebuch: Ein Ausflug nach Shabunda

In Bukavu bleiben und auf Godot und die Rebellen warten ? Oder sich im Hinterland umschauen? Lieber für ein paar Tage raus aus der Stadt, in der sich doch nur alle in der Gerüchteküche verrückt machen. Mit ein wenig Glück ergattere ich noch einen Sitzplatz in einem UN-Helikopter nach Shabunda, dem größten Bezirk der Provinz Süd-Kivu. Außer mir an Bord: zwei kongolesische Mitarbeiter von OCHA, dem UN-Büro zur Koordination der Nothilfe, ein mürrischer pakistanischer Blauhelm, die russischen Piloten, die „äi wärri gutt flight“ wünschen, sowie Kisten voller Zwiebeln, Knoblauch, Milch, Reis und Tomatenmark. Nachschub für den Stützpunkt der Blauhelme.

Shabunda-Stadt sieht aus der Luft aus, als hätte der dichte Urwald Haarausfall bekommen, was eifrige Wesen sofort zum Bau von Hütten und Häusern genutzt haben. Die Staubpiste des Flughafens (der wiederum nur aus der Staubpiste besteht) durchtrennt die Stadt, die mangels tauglicher Straßen weitgehend aus der Luft versorgt werden muss. Ankommende Flugzeuge werden der Bevölkerung durch Trillerpfeifen angezeigt. Dann ruht der Fussgängerverkehr auf der Piste.

Shabunda auf den ersten Blick: bitterarm (wie das gesamte Hinterland im Kongo), träge und wunderbar ruhig. Die größte Attraktion sind an diesem Tag drei Richter, die seit Jahren das erste Mal wieder Prozesse leiten. Es geht um Vergewaltigung, Ehebruch, Diebstahl, Landstreitigkeiten. Großes Drama, große Unterhaltung, eine Menschentraube drängt sich um das Gericht.

Mitten im Zentrum von Shabunda-Stadt haben die UN-Blauhelme ihren Stützpunkt aufgebaut, komplett mit Stacheldraht, penibel gepflegten Blumenbeeten und Wachtürmen. Das weckt den Anschein, als fürchteten sie sich mehr vor den Bewohnern als vor bewaffneten Gruppen, aber das Verhältnis zwischen kongolesischer Bevölkerung und pakistanischem Militär soll hier ordentlicher sein als in anderen Gegenden, wo Zivilisten aus Wut über die vermeintliche oder tatsächliche Untätigkeit der UN deren Blauhelme angegriffen haben.

Zum Schutz von Shabunda-Stadt ist außerdem eine Einheit kongolesischer Soldaten vor Ort, deren Laune angesichts der jüngsten Ereignisse in Goma je nach ethnisch-politischer Orientierung gesunken oder gestiegen sein dürfte. In den Reihen des Militärs befinden sich einige der ehemaligen CNDP-Kämpfer, jener sehr effektiven Miliz kongolesischer Tutsi, die 2008 vor Goma stand – und in einem Überraschungspakt zwischen Kinshasa und Kigali kurzerhand in die Armee „integriert“ wurde. Ein Experiment, das, wie man jetzt weiß, nicht von Erfolg gekrönt war. Die Nachfolgetruppe des CNDP ist die Bewegung M23 – und dieses Mal hat sie mit ruandischer Unterstützung Goma eingenommen.

Von M23-Kämpfern ist in Shabunda nichts zu sehen, wobei deren Vordringen in ein Territorium von 25.000 Quadratkilometern dichten Waldes ohnehin nur schwer zu erkennen wäre.
Aber M23 hat in der Region Helfer, wenn auch eher unwillentlich. Raia Mutomboki heißt der lose Verband mehrerer Bürgerwehren und Milizen. Für den Namen erhalte ich während meines Spaziergangs über den Markt gleich mehrere Übersetzungen. „Das Volk hat genug“, lautet die des Telefonkartenverkäufers. „Das Volk, das sich erhebt“, meint die Brotverkäuferin. Oder die Kurzfassung einer Gruppe Schüler: „Wir sind wütend!“

Das Volk hatte tatsächlich genug von den Attacken der FDLR in der Region. Kongo-Kenner erinnern sich: Bei diesem Kürzel handelt es sich um den Nachfolgetrupp ruandischer Hutu-Milizen, die sich nach dem Völkermord 1994 im Ost-Kongo festgesetzt haben. In Shabunda ist ihr Aktionsradius zuletzt dank Raia Mutumboki arg geschrumpft.
Nur belassen es Bürgerwehren selten bei der Selbstverteidigung. Inzwischen zählen Raia Mutomboki-Gruppen zu den brutalsten in den Kivus, ihnen werden zahlreiche Massaker vorgeworfen, oft gezielt gegen kongolesische Hutu-Zivilisten gerichtet. Immer wieder greifen sie auch kongolesisches Militär an, das in ihren Augen Verrat an der Bevölkerung begeht. Was wiederum auch M23 nützt.

Die Soldaten wissen an diesem Nachmittag in Shabunda noch gar nicht, dass in Kinshasa gerade der kongolesische Armeechef Gabriel Amisi suspendiert wird. Amisi ist ein altgedienter Rohstoff-Dealer, Human Rights Watch wirft ihm Folter und „extra-legale Hinrichtungen“ vor, UN-Experten haben nun ein landesweites Netzwerk aufgedeckt, über das Amisi Waffen und Munition an Milizen und Rebellen verkauft haben soll. Angeblich auch an Raia Mutomboki. Welche Armee braucht noch Feinde, wenn sie solche Generäle hat?
Das klingt nach der typisch kongolesischen Abwärtsspirale, wonach alles in diesem Land immer schlimmer wird. Was so nicht stimmt. Die Tragik an der aktuellen Situation besteht darin, dass kleine, aber sichtbare Fortschritte nun wieder gefährdet oder zunichte gemacht worden sind.

Ich genieße als Besucherin das Privileg, dieses Drama mit seiner verwirrenden ethnischen und militärischen Besetzung bald wieder vergessen zu dürfen. Die katholischen Schwestern, bei denen ich in Shabunda übernachte, können sich das nicht leisten. Sie leiten hier unter anderem eine Schule und ein Gesundheitszentrum. Soer Marie-Therese versucht den halben Abend per Telefon herauszufinden, ob die Straßen außerhalb der Stadt sicher genug sind für eine Ordensschwester, die nach Shabunda mit dem Auto anreisen möchte. Bei solchen Recherchen verwechselt man besser keine Rebellenfraktionen.

Die Nacht bleibt ruhig, jedenfalls für mich. Offensichtlich verschlafe ich drei Explosionen unweit der Stadt. Angeblich Geschosse unbekannter Art, wie mehrere Ohren-und Augenzeugen am nächsten Morgen behaupten. Bloß bleibt eine solche Nachricht unwirklich, wenn man selbst nichts gesehen und gehört hat. Und wenn die Bewohner über den Markt schlendern, als wäre nichts gewesen.

Unterdessen drängt es die Richter, ihren Einsatz in Shabunda abzubrechen. Sie wollen zurück nach Bukavu zu ihren Familien und fürchten, dass der Flughafen dort bald gesperrt sein könnte. Und so ergibt sich wieder eine Mitflug-Gelegenheit. Dieses Mal in einer überladenen kleinen Antonov-Maschine. Nicht jeder Passagier hat einen Sitzplatz, und nicht jeder Sitzplatz hat einen Sicherheitsgurt. Egal, man ist sowieso stabil ineinander verkeilt.

In Bukavu herrscht … nein, keine Panik, kein Aufruhr, sondern Alltag. M23, so heißt es, stoße bei ihrem Vormarsch auf Widerstand der Armee in Sake, unweit von Goma. Das ist der Stand von Freitag Abend. Am Samstag Mittag wird gemeldet, Sake sei endgültig in den Händen von M23. Immer mehr Flüchtlinge bewegen sich Richtung Minova, das direkt an der Grenze zwischen Nord-und Südkivu liegt.

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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Eine Antwort zu Kongo-Tagebuch: Ein Ausflug nach Shabunda

  1. Dr. V. Sorge schreibt:

    Vielen Dank für die ausführlichen Berichte! haben Sie auch Kontakt zu Vertretern von Menschenrechts- sowie Naturschutzorganisationen (WWF, Frankfurter Zoologische Gesellschaft u.a.), die sich im Konfliktgebiet aufhalten?

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