Tagebuch Kongo: Einmal vom Kivu-See in die Krajina – und zurück

Vorbemerkung: Sofern es Stromversorgung und Internetzugang erlauben, kommen die Einträge der nächsten zwei Wochen aus dem Ost-Kongo – eine Art Reisetagebuch. LeserInnen dieses Blogs wissen wahrscheinlich um die dramatische Lage in Nord-Kivu und in der Provinzhauptstadt Goma, wo sich in diesen Tagen Rebellen der M23-Bewegung samt verbündeter Milizen schwere Kämpfe mit der kongolesischen Armee und UN-Blauhelmen liefern.
Die Lage in Süd-Kivu ist deutlich besser als in er Nachbarprovinz – allerdings auch klar schlechter als noch vor ein, zwei Jahren. Alteingesessene Rebellengruppen haben Terrain gewonnen, neue haben sich gebildet.
Mehr dazu in den kommenden Tagen.

Bukavu - Es ist weit, verflucht weit, von Zentralafrika ins ehemalige Jugoslawien, und den Namen Gotovina hat noch keiner im „Ngomo-Express“ gehört.
Meine Mitfahrer im Minibus von Bujumbura nach Bukavu debattieren erst ausführlich über die Qualität von Mango-Früchten und die besten Mobilfunknetzwerke, bevor die Sprache auf Kriegsherren, Politiker und den Kampf um Goma kommt. Ist die Stadt schon gefallen? Warum kommen immer noch so viele Waffen in die Region? Wieso sind so viele Politiker korrupt und gierig?
Soweit ich es mitbekomme im Sprachgemisch aus Französisch und Swahili, belassen die Reisenden es bei eher allgemeinen Klagen über die Schlechtigkeit des Menschen. Ethnische Details und Fragen nach Kriegsschuld und -ursachen klammern sie tunlichst aus.

Stattdessen werde ich gefragt, warum die Europäer ihre Konflikte im Gegensatz zu den Afrikanern immer gütlich regelten. „Nicht immer“, wende ich ein. „Der Zweite Weltkrieg…“
Sie winken ab. Das sei nun wirklich lange her.
„Die Jugoslawien-Kriege….”, sage ich.
“Ahh, la Yugoslavie”, seufzt mein Nachbar und nickt. Ja, da war was.

Stimmt, da war etwas in den 90er Jahren. Vukovar, Sarajevo, Mostar, die Krajina, Giakove und Belgrad. Bombardierung, Belagerung, Massenvergewaltigungen, Plünderungen, ethnische Vertreibungen und ein Genozid in Srebrenica mit 8000 Toten.
Fast genau zur selben Zeit waren afrikanische Ortsmarken eine Chiffre für Verheerung: Kigali, Butare, Bujumbura, Bukavu, Goma, Mbandaka – um nur die größeren Städte zu nennen. Bombardierung, Massaker, Massenvergewaltigungen, Plünderungen, ethnische Vertreibungen und ein Genozid in Ruanda mit über 800.000 Toten.

“Aber bei uns hört es einfach nicht auf, die Gewalt geht immer weiter”, sagt mein burundischer Sitznachbar. “In Europa haben sie ihren Krieg beendet, sich ausgesöhnt. Und die Schuldigen bestraft.” Der Mann ist Agronom, hat in Kiew studiert und ist offensichtlich vertraut mit Institutionen wie der EU und dem Haager UN-Jugoslawien-Tribunal.
“Na ja”, sage ich. “Ich glaube nicht, dass sich Bosniaken, Serben und Kroaten schon so richtig ausgesöhnt haben.” Und mit dem Bestrafen ist das auch nicht so einfach. Gerade erst wurde der kroatische General Ante Gotovina, angeklagt der Mittäterschaft an einer der größten ethnischen Vertreibungen in diesem Krieg, frei gesprochen. 
Bei dem Versuch, im Ngomo-Express von Bujumbura nach Bukavu die juristischen Details dieses Falles zu erklären, verheddere ich mich völlig. “Einfach gesagt: Viele im ehemaligen Jugoslawien glauben jetzt erst recht, nur ihre eigene Gruppe hätte im Krieg gelitten, und nur die anderen hätten Verbrechen begangen.”
Der Burunder lächelt. “Ist doch bei uns genauso.”

Jetzt geraten wir doch gefährlich nahe an eine Debatte über Anerkennung von Schuld und über das Leiden anderer, also wechselt er das Thema: “Wie sieht’s aus mit der Finanzkrise? Wird der Euro überleben?”
Da sind wir schon an der burundisch-ruandischen Grenze, und bevor ich viel zur Euro-Krise sagen kann, muss mein Nachbar aussteigen. Er hat seinen Pass vergessen. Mein kongolesischer Mitreisender, beschäftigt bei den Elektrizitätswerken in Bukavu, die zuverlässig seit Jahren  Stromausfälle garantieren, übernimmt jetzt das Wort.
„Glauben Sie mir, all die Probleme der Menschen werden erst gelöst, wenn Gott mal so richtig auf den Tisch haut.“

Zwei Stunden später taucht der Kivu-See zwischen den Hügeln auf, wir erreichen Bukavu. Alles ruhig dort, die Märkte sind voll, auf den Straßen staut sich der Verkehr, Musik plärrt aus Lautsprecherboxen.
Und alle warten sie auf Nachrichten aus Goma, der Stadt am anderen Ende des Sees.

Epilog (einige Stunden nach diesem Eintrag): Die Rebellen von M23 haben Goma offenbar eingenommen. Die UN evakuiert ihre Mitarbeiter, die Blauhelme schützen bis auf weiteres den Flughafen.

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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2 Antworten zu Tagebuch Kongo: Einmal vom Kivu-See in die Krajina – und zurück

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